MUSIK

Neue Spielregeln

Another Sky
Foto: Parri Thomas

Catrin, nach sechs Jahren mit Another Sky und sehr viel Aufmerksamkeit für Singles wie „The Cracks“ und „Brave Face“ erscheint nun endlich euer Debütalbum, mit dem du deine traumatische Jugend in einer britischen Kleinstadt nachzeichnest.

Catrin Vincent: Die Texte beziehen sich auf eine Zeit, in der ich meine Heimatstadt gehasst habe. Ich hatte das Gefühl, da nicht reinzupassen und den Ansprüchen zu genügen, und gleichzeitig war da dieser Zwang, mich gut zu fühlen. Mein Körper ist kollabiert, und ich habe Ängste entwickelt, weil ich all dieser Widersprüche nicht auflösen konnte.

Du lebst jetzt seit sieben Jahren in London. Bist du in dieser Zeit in deine Heimatstadt zurückgekehrt und konntest dich mit ihr aussöhnen?

Vincent: Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man unbedingt zurückkehren. Bei meinen ersten Besuchen bin ich ich immer wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen. Egal, wie ich mich in London verändert und was ich dort erreicht habe – plötzlich waren all die Ängste wieder da. Trotzdem bin ich immer wieder dort hin, und inzwischen habe ich meinen Frieden geschlossen. Ich kann die Menschen da jetzt besser verstehen.

Wann hast du gemerkt, dass London auch nicht die große Erlösung bietet, die du dir von der Stadt versprochen hast?

Vincent: Das hat schon eine Weile gedauert. Die Uni ist ja eine linksintellektuelle Blase, in der du nur von Gleichgesinnten umgeben bist. Sie bietet dir ein Sicherheitsnetz. Erst nach dem Abschluss kam der Realitätsschock, und bei meinen Jobs ist mir bewusst geworden, dass ich meiner Heimatstadt nicht entkommen bin. Diese Stadt ist letztlich nur ein Produkt der Gesellschaft, in der wir leben. Als Musikerin war es mir total wichtig, rechtzeitig nach Hause zu kommen – aber ich musste Überstünden machen und immer mehr arbeiten, um über die Runden zu kommen. Ich weiß noch, wie ich in dieser Zeit bei Reddit einen Beitrag von jemandem gelesen habe, der wegen seines 9-to-5-Jobs sterben wollte. Er hat beschrieben, wie stumpfsinnige Arbeit nach und nach all seine Leidenschaften abgetötet hat – und ich konnte das so verdammt gut nachempfinden.

Zudem war ja leider auch in London die oft gestellte Frage zu hören, ob bei Another Sky ein Mann oder eine Frau singt.

Vincent: Einige hätten gar nicht erst hingehört, wenn sie die Antwort gewusst hätten. (lacht) An der Uni habe ich für meine androgyne Stimme sehr viel Zuspruch bekommen, doch als es mit der Band losging, wussten wir, dass sich die Spielregeln ändern. Wir haben ganz bewusst nur Pressefotos ausgewählt, auf denen wir nicht zu erkennen sind. So lange die Leute gedacht haben, hinter Another Sky stecken vier Typen, gab es keine grundsätzlichen Debatten wegen meiner Stimme. Erst unter unseren Videos tauchten später die üblichen Kommentare auf: Frauen fehlt einfach die Power für Rockmusik. Ich bin mir sicher, die meisten dieser Kommentarschreiber hätten lauter gedreht, wenn der Song im Radio gelaufen wäre.

Sexismus wird wohl auch ein nicht unwesentlicher Grund sein, warum die Traurigkeit von „I slept on the Floor“ stets mit sehr viel Wut durchsetzt ist.

Vincent: Vor der Band habe ich als Singer/Songwriterin ganz stereotypisch nur traurige Liedeslieder gespielt. Durch Another Sky kommt all die unterdrückte Wut endlich raus, und ich will das nach Möglichkeit auch noch mehr zulassen. Unser zweites Album wird mit Sicherheit lauter und noch viel wütender.

Bands wehren sich in der Regel dagegen, wenn man sie als „politische Band“ bezeichnet. Wie ist das bei Another Sky?

Vincent: Nach der Single „Avalanche“ gab es bei uns Diskussionen, weil die anderen drei diese Zuschreibung eigentlich nicht mögen. Wenn aber Bands Angst davor haben, als politische Band gesehen zu werden, gibt es dann nicht auch automatisch eine Angst davor, bestimmte Dinge anzusprechen? So sehr ich Kategorien hasse: Für die Redefreiheit nehme ich dieses Label liebend gern auf mich.