Apparat über „A Hum of Maybe“: Ja, nein – VIELLEICHT?!
Der deutsche Soundbastler Sascha Ring alias Apparat hat keine Lust mehr, sich hinter Cleverness zu verstecken. Trotzdem wehrt er sich auch gegen die Vereinfachung.
Sascha, als 2019 dein letztes Album erschienen ist, war die Welt noch eine andere. Corona, KI, Kriege und Krisen haben Ungewissheiten gesät, gleichzeitig ist eine Kultur der selbstgewissen Eindeutigkeit entstanden. Dein Album „A Hum of Maybe“ ist eine Absage an dieses Phänomen. Sollten wir alle viel häufiger „Vielleicht“ sagen?
Sascha Ring: Zumindest sollten wir uns öfter erlauben, Dinge offen zu lassen. Das heißt ja nicht, dass man keine Haltung hat. Die permanente Forderung nach Klarheit ermüdet mich. Alles muss sofort bewertet, eingeordnet, polarisiert werden. Ich habe das Gefühl, dass dabei etwas sehr Menschliches verloren geht. Für mich ist das „Vielleicht“ kein Ausweichen, sondern ein Raum, in dem Widersprüche existieren dürfen. Ein Zustand, der Komplexität zulässt. Ich empfinde das eher als eine Form von Widerstand gegen die Vereinfachung.
Zum „Vielleicht“ gehört immer auch der Zweifel. Du bist inzwischen Vater geworden, hat das neue Zweifel gesät?
Ring: Das Vatersein hat bei mir viele Gewissheiten ins Wanken gebracht. Verantwortung fühlt sich plötzlich sehr real und körperlich an. Entscheidungen haben ein anderes Gewicht. Gleichzeitig ist da diese große Liebe, die aber auch Angst erzeugt – nicht zu genügen, Fehler weiterzugeben, Dinge nicht im Griff zu haben. Diese Gleichzeitigkeit aus Nähe und Unsicherheit ist ständig präsent.
Bei „Enough for me“ geht es genau darum. Da hört man sogar kurz ein Kind.
Ring: Tatsächlich ist das meine Tochter. Das war kein kalkulierter Moment, sondern einfach richtig so.
Das Vatersein hat dieses Album also maßgeblich beeinflusst?
Ring: Sehr. Nicht unbedingt auf erzählerischer Ebene, sondern in der Haltung. Ich habe weniger Lust, mich hinter Konzepten oder Cleverness zu verstecken. Es geht mehr um Ehrlichkeit und darum, Dinge stehen zu lassen, auch wenn sie unbequem sind. Diese Platte ist für mich weniger ein Statement als ein Zustand. Ich hoffe, man hört ihr an, dass sie ohne Eile entstanden ist. Wenn sie jemanden dazu bringt, einen Moment länger bei einem Gefühl zu bleiben, dann hat sie für mich ihren Zweck erfüllt.
Der Weg dorthin war allerdings ein steiniger. Du hattest mit heftigen Schreibblockaden zu kämpfen.
Ring: Das ging über mehrere Monate. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass ich jeden Tag eine Idee erarbeite, egal wie unfertig oder schlecht sie ist. Die meisten davon sind auch genau das geblieben. Vielleicht zehn oder 15 Prozent haben es wirklich auf die Platte geschafft. Aber darum ist es gar nicht gegangen. Wichtig war, wieder ins Tun zu kommen und das Vertrauen zurückzugewinnen, dass da noch etwas entsteht.
Frei nach Philip Roth, der einmal gesagt haben soll: „Amateure warten auf Inspiration, Profis setzen sich hin und arbeiten.“
Ring: Im Kern ja. Inspiration kommt oft erst durchs Arbeiten. Gleichzeitig darf Arbeit nicht zu einer reinen Pflichtübung werden. Es ist ein Balanceakt. Aber gerade in der Blockade hilft es enorm, sich nicht ständig selbst zu hinterfragen, sondern einfach anzufangen.
Deine Kumpels von Modeselektor veröffentlichen nächsten Monat ein neues, altes Album. Zufall? Steht bald wieder eine Zusammenarbeit als Moderat ins Haus?
Ring: Moderat war nie wirklich weg. Wir sind bloß langsam. Es wird wieder passieren – wann genau, weiß ich selbst noch nicht.