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Arne Dahl: Sieben minus eins

Auch Krimiserienmeister wie Arne Dahl haben manchmal die Nase voll von ihren eigenen Charakteren. Vor dem Neuanfang hat der schwedische Autor zwar keine Angst – dafür aber vor anderen Dingen.

Kommissar Sam Berger ist sich sicher: Das Verschwinden der jungen Frau ist kein Einzelfall, hier ist ein Serientäter am Werk. Sein Chef sieht das völlig anders und droht Berger mit dem Rauswurf. Nach und nach wird jedoch klar: Der Täter ist jemand aus Sam Bergers Vergangenheit. Jemand, mit dem Berger ein altes Geheimnis teilt … Arne Dahls neue Reihe beginnt mit psychologischer Finesse und großem Spannungsbogen und eröffnet ein neues Krimikapitel mit viel Potenzial.

Herr Arnald, nach dem Ende der populären Reihe um die A-Gruppe haben Sie Ihr Spektrum auf Europa ausgeweitet, es ging um die großen kriminellen Fische. Mit Kommissar Sam Berger und „Sieben minus Eins“ folgt nun der Rückschritt ins Persönliche, Richtung Psychoterror und Privatfehde. Weshalb?
Jan Arnald: Ich musste mich selbst, und ich musste Arne Dahl in irgendeiner Form neu erfinden. Die großen Geschichten habe ich so weit getrieben, wie ich konnte – dieses ganze komplexe Netz des organisierten Verbrechens, mit all den Handlungssträngen, unzähligen Charakteren, der Welt als Bühne. Ich hätte das sicherlich noch weiterspinnen können, an abscheulichen Themen mangelt es der Welt von heute ja nicht. Aber ich brauchte etwas Frisches, wollte zurück zu den Wurzeln, zur Innenperspektive und damit den Fokus mehr auf die Geschichte legen, nicht auf die Recherche.
Warum müssen Krimis oder Thriller eigentlich immer als Reihe erscheinen?
Arnald: Es gibt ein paar wenige Beispiele für Einzelkrimis, aber der Trend geht sicherlich zur Serie. Ich glaube, das liegt daran, dass Kriminalliteratur sich eben nicht um Horror und Gewalt dreht, sondern um Trost. In einer beängstigenden Welt ist es schließlich tröstlich, Charaktere wiederzuerkennen, sie den Schmerz fühlen zu lassen und ihn so von sich selbst abzulösen. Und es ist etwas Beglückendes, drei, vier Bücher zu haben, die deine Beziehung zu diesen armen Seelen vertiefen, die dir deine Schmerzen abnehmen.
Was ist für einen Krimi wichtiger: spektakuläre, vielleicht etwas zu extravagante Morde – oder der Bezug zur Realität, der einem Schauder über den Rücken jagt?
Arnald: Ich glaube nicht, dass spektakuläre Morde wirklich das Interessante sind. Es geht doch darum, was die Verbrechen über den Zustand der Gesellschaft aussagen. Diese existenzielle Dimension ist immer die Wichtigste, wie in jedem guten Buch. Für mich ist also der Bezug zur Realität das Essenzielle: das Gefühl, dass es tatsächlich passiert, genau hier und genau jetzt, dass es immer gruseliger wird, aber auch immer klarer und klarer.
Sie verkünden oft schon vorab, auf wie viele Bände eine Geschichte ausgelegt ist. Sind sie tatsächlich so zielstrebig, oder brauchen Sie das für sich selbst, um nicht zu prokrastinieren?
Arnald: Das ist tatsächlich für mich selbst. Ich bin auch nicht anders als die meisten Autoren, ich bin grundsätzlich faul. Also muss ich Sachen öffentlich ankündigen, damit ich dran bleibe. Diesmal habe ich aber in der Tat noch keine Ahnung, wie viele Bücher es über Sam und Molly geben wird. Naja, zumindest drei …
Irgendwie ist es ja schon ein Klischee: Sie ziehen sich zum Schreiben auf eine abgelegene Schäreninsel zurück, um dort in aller Einsamkeit über das Böse der Welt zu schreiben. Kommt Ihnen das manchmal auch seltsam vor?
Arnald: Kriminalliteratur lebt zu einem gewissen Teil vom Abstand. Du musst die Verbrechen ein Stück von dir weg halten, um über sie schreiben zu können. Wenn man von Verbrechen umgeben ist, will man nichts darüber lesen – und kann auch nicht über sie schreiben. Für mich ist es also nur logisch, näher an die Welt heranzurücken, indem ich mich vor ihr zurückziehe.
Schon mal von einem Ihrer eigenen Romane schlecht geträumt?
Arnald: Ja, tatsächlich. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich meinen zweiten Krimi „Böses Blut“ schrieb. Ich saß nachts allein in dieser besagten Hütte auf der Schäreninsel und schrieb einige ziemlich aufwühlende Szenen, die mich nachts heimsuchten. Ich traute mich nicht mehr raus und musste am nächsten Tag heimfahren, um mit ein wenig Zivilisation um mich herum weiterzuarbeiten.
Vor welchen Verbrechen haben Sie selbst am meisten Angst?
Arnald: Es gibt Verbrechen, die mich politisch aufregen – Korruption, betrügerische reiche Leute, Schattenwirtschaft. Dann gibt es Straftaten, die mich persönlich auf die Palme bringen, vor allem Gewalt gegen Kinder. Aber wovor ich wirklich, wirklich Angst habe, ist willkürliche Gewalt im öffentlichen Raum – wie die des IS.

Arne Dahl
Sieben minus eins
Piper, 2016
416 S., 12,99 Euro
Aus d. Schwed. von Kerstin Schöps