Aufstehen, bitte! : Bayonne und die zaghaften Anfänge der Akzeptanz
Roger Sellers alias Bayonne hat eine schwere Zeit hinter sich. Jetzt läuft es hörbar besser – und das könnte an der Katze liegen, mit der er sich regelmäßig trifft.

„I’m gonna try to ease my mind again“: So lautet die erste Zeile in „Unexpected“, dem Auftaktsong von Bayonnes neuem Album „Filters“, und da ist man im Gespräch doch direkt neugierig, was der Musiker, der im echten Leben Roger Sellers heißt und aus Austin in Texas kommt, denn so für Strategien anwendet, um seine Hirnwindungen runterzufahren. Sellers, der die Kamera seines Handys auf der Rückbank im Auto sitzend so hält, dass man die ganze Zeit die Landschaften zwischen Wien und Prag bewundern kann, während ihn einer seiner besten Freunde kutschiert, der in Prag lebt, muss für einen Moment nachdenken. „Zuletzt waren es eher die kleinen Dinge, die mir geholfen haben“, sagt er. „Früher aufstehen, auf sich selbst achten und sich immer wieder daran erinnern, zuversichtlich zu bleiben. Ganz konkret bin ich morgens oft zu einem Spaziergang aufgebrochen, habe dabei Hörbücher gehört und ein bisschen Tagebuch geschrieben.“ Für seine vormittäglichen Märsche am Stadtrand von Houston, wo er aktuell lebt, hat er in der Regel dieselbe Route gewählt, und zwar die, „auf der ich mich fast jeden Morgen mit dieser Katze getroffen habe.“
Sellers, ein mit beachtlichem Schnauzbart gesegneter Mittdreißiger, hatte so einiges zu verarbeiten in den vergangenen Jahren. Durch Trennungen hervorgerufene Herzschmerzen, „von denen ich für ein Leben lang genug erleben musste“, vor allem aber hat ihn der Tod des Vaters aus der Bahn gehauen, der 2022 an Krebs gestorben ist. Schon das vorherige Bayonne-Album „Temporary Time“ hatte den Verlust zum Thema. „Auf ,Filters’ jedoch wollte ich nach den harten Jahren bewusst etwas Hoffnungsvolleres und Positiveres schreiben. Nach tiefer Trauer geht es nun um so etwas wie den zaghaften Beginn von Akzeptanz.“
So fügt Sellers seinem auf Loops aufgebauten, verträumten Electronic-Pop, den er anfangs unter eigenem Namen veröffentlicht hat, bevor er 2016 auf dem Album „Primitives“ erstmals als Bayonne in Erscheinung getreten ist, dieses Mal einige aufbauende und nach Kitzel-Brause klingende Songs hinzu. „Good Enough“ etwa, den er zusammen mit seinem Schlagzeuger und bestem Freund Matt Toman aus ein paar 15 Jahre alten Synthie-Schnipseln zu so etwas wie einem wahrhaftigen Pop-Hit weiterentwickelt hat. Auch „Oxygen“ schert aus der ansonsten eher elegant-langsamen Art seiner Songs aus: „Mit der Nummer habe ich mir quasi selbst wieder auf die Beine geholfen.“
Bezeichnenderweise beschließt Bayonne das Album mit dem unschlagbar optimistischen „Everything’s Alright“, das nochmal einen dicken Strich unter die Aufbruchstimmung von „Filters“ zieht. So ist an sich alles bestens – doch eine Sache nagt nach wie vor an Roger Sellers. Ausgerechnet, als das von ihm gottgleich verehrte französische Duo Air (Alben wie „Talkie Walkie“ oder „Pocket Symphony“ klingen einfach lächerlich perfekt) vor zwei Jahren in Austin anlässlich seiner 25-Jahre-Anniversay-Tour zum „Moon Safari“-Album aufgetreten sind und er längst Tickets hatte, musste Roger am selben Abend ein eigenes Konzert irgendwo in Michigan spielen, das er nicht absagen konnte. „Ich war so schrecklich enttäuscht, man kann es kaum beschreiben. Jetzt muss ich wohl auf die Tournee zu ihrem 50-jährigen Jubiläum warten.“
Musik


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