MUSIK

Austra: „Warum hast du das nicht schon viel eher gemacht?“

Austra: Das neue Album Hirudin
Foto: Virginie Khateeb

Katie, deine vierte Platte als Austra heißt „Hirudin“. Um die Bedeutung des Titels zu ergründen, muss man erst mal googeln – was sich lohnt, denn dahinter steckt ja eine positive Botschaft.

Katie Stelmanis: (lacht) Es ist ein Album über toxische Beziehungen, und ich wollte nicht nur die negativen Aspekte verhandeln. Nachdem ich mich von meiner langjährigen Partnerin getrennt hatte, habe ich mehrere Artikel über Blutegel gelesen. Sie saugen das Blut ihres Wirtes, aber zugleich sondern sie auch dieses Peptid namens Hirudin ab, das die Blutgerinnung hemmt. Bei diesen schädlichen Beziehungen sind auch heilsame Kräfte am Werk, die man für sich nutzen kann.

Die vierte Platte ist ein großer Schritt ins Unbekannte, weil du dich nicht nur privat, sondern auch auf musikalischer Ebene aus allen bestehenden Bindungen befreit hast.

Stelmanis: Anders ging es nicht, da die beiden Ebenen untrennbar verwoben waren. Im Nachhinein ist mir dann bewusst geworden, dass Austra bereits seit einiger Zeit stagniert: Was die Aufnahmen betrifft, war es in erster Linie immer mein Soloprojekt, doch bei der Liveumsetzung habe ich all die Jahre mit einer festen Bandbesetzung gearbeitet. Ich hatte das Gefühl, ich kann nur mit ihnen arbeiten, auch wenn das bedeutet hat, dass ich bestimmte kreative Ideen zurückstellen musste. Es gab eine Zeit, in der wir uns gegenseitig inspiriert und etwas Neues entwickelt haben – nur war das irgendwann vorbei. Es hat so viele Türen geöffnet, nachdem ich die Bandkonstellation in Frage gestellt habe.

Man nimmt dich als wandlungsfähige und progressive Künstlerin wahr. Hat es dich selbst überrascht, dass du so lange an den bestehenden Konstellationen festgehalten hast?

Stelmanis: Es ist so schwer, aus sich rauszutreten und die Situation aus neutraler Perspektive zu beurteilen. Natürlich hatte ich auch Angst und musste einen längeren Anlauf nehmen. Es fühlt sich an, als würde man jede Gewissheit verlieren. Plötzlich ist da nicht mehr das vertraute Netz, das dich auffängt. Es gab schon Phasen, in denen ich mich gefragt habe, ob ich jemals wieder eine neue Platte hinbekomme.

Der Song „Risk it“ thematisiert das Zögern im Hinblick auf deine Beziehung. Hast du deinen Gesang hochgepitcht, weil du auf die Stimme in dir wütend warst, die nach der gewohnten Sicherheit verlangt?

Stelmanis: Wut ist zu stark, aber ich war genervt von ihr und wollte sie vermutlich irgendwie abspalten. Trotzdem ist meine Stimme ja noch identifizierbar.

Wie hast du die Selbstzweifel auf musikalischer Ebene niedergekämpft?

Stelmanis: Ich habe mich mit wahnsinniger Energie in die Freiheit gestürzt – wohl auch, um meine Angst zu kompensieren. Von Anfang an gab es bei mir ja die Haltung, dass ich alles selbst produzieren will. Diesmal war die Vorgabe, mit so vielen unterschiedlichen Leuten wie möglich zu arbeiten. Wann immer ich etwas gehört habe, was mir gefallen hat, habe ich die betreffende Person angefragt und eine Session arrangiert.

Hattest du keine Angst vor den Kontrollverlust, wenn du so etablierte Produzenten wie Rodaidh McDonald und Joseph Shabason an deine Seite holst?

Stelmanis: Ich habe von Anfang an gemerkt, dass ich mich dabei nicht aufgebe, sondern mir der Austausch hilft, die eigene Vision viel schärfer zu formulieren. Es ist sicher etwas anderes, wenn dir eine Kollaboration von außen aufgezwungen wird, um deine Arbeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ich aber habe mich gefragt: Warum hast du das nicht schon viel eher gemacht?

Bei der Wahl der Musiker hast du für die erste Aufnahmesession in Toronto eine spektakuläre Auswahl getroffen: Neben der Jazz-Noise-Formation c_RL und einem philippinschen Buckelgong-Ensemble war auch ein Kinderchor dabei.

Stelmanis: Ich hatte im Internet ganz bewusst nach Musiker*innen außerhalb meiner Community gesucht. Damals hatte ich auch gerade kein Management, was ein Vorteil war – denn die hätten mich bei der Auswahl garantiert für verrückt erklärt. Bei den Aufnahmen war ja von Anfang an geplant, dass ich sie in weiteren Arbeitsschritten bearbeite und in meine Songs integriere. Weil ich keinen professionellen Kinderchor wollte, habe ich meine Mutter angesprochen, die Lehrerin ist und mir den Kontakt zu der Musiklehrerin an ihrer Schule vermitteln konnte. Es war ein Zufall, dass sie mir zwölf Mädchen im Alter zwischen acht und zehn Jahren geschickt hat, aber weil ich auch mit einer Technikerin gearbeitet habe, waren an diesem Tag nur Frauen im Studio. (lacht) Es war natürlich ein verzerrtes Bild der Realität, aber ich fand es schön, den Mädchen vermitteln zu können, dass die Musikwelt so auch funktionieren kann.

Der Kinderchor ist in dem Stück „Mountain Baby“ zu hören, einem unfassbar eingängigen Popsong, bei dem du auch Cecile Believe als Duettpartnerin an deiner Seite hast.

Stelmanis: Ich kenne sie schon von ihrem alten Projekt Mozart’s Sister. Cecile war als Sängerin und Produzentin maßgeblich an dem gefeierten SOPHIE-Album „Oil of every Pearl’s Un-Insides“ beteiligt, hat dafür aber leider kaum Anerkennung bekommen. Wenn ich mit „Hirudin“ auf Tour gehe, wird sie mich als Bassistin, Keyboarderin und natürlich auch als Sängerin begleiten.

Wird es für dich eine arge Umstellung werden, nach dem sehr politischen Vorgänger „Future Politics“ jetzt mit so persönlichen Stücken wie „Your Family“ auf die Bühne zu gehen?

Stelmanis: Ich hatte mir das Trennungsalbum in dieser Form nicht vorgenommen. Meine Exfreundin ist Amerikanerin, und „Your Family“ thematisiert die angespannte Situation, als sie mich als erste Partnerin ihren Eltern vorgestellt hat, die Trump-Anhänger sind. Sie waren sehr nett zu mir, aber auf den Fotos bin ich eben nicht zu sehen. Erst im Nachhinein ist mir so richtig aufgegangen, was ich da eigentlich alles verarbeite. Die vielen Trennungen in dieser Zeit haben mich verletzlich gemacht, und während der Aufnahmen habe ich dann beschlossen, dass ich diese Verletzlichkeit auch zulasse.

Es ist jetzt aber auch schwieriger, sie hinter dir zu lassen, weil sie sich in die neuen Songs eingeschrieben hat.

Stelmanis: Ich habe mich nie als klassische Songwriterin gesehen, aber neuerdings ist mir diese oft thematisierte Zeitlosigkeit sehr wichtig. Um Songs performen zu können, muss ich mich ihnen verbunden fühlen. Dabei ist es aber durchaus zulässig, dass ich ihnen eine neue Bedeutung gebe. Einige Songs auf dem Album habe ich bereits vor drei Jahren geschrieben, und in der Zwischenzeit habe ich eine weitere Trennung hinter mich gebracht. Nach wie vor ist mir die Platte extrem nah, auch wenn ich sie jetzt teilweise anders kontextualisiere als zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.

Interview: Carsten Schrader

Die neue Austra-Platte „Hirudin“ ist am 1. Mai erschienen