Bei Danielle Ponder gilt: Herz über Kopf
Ihren Job als Anwältin hat sie aufgegeben, doch auch bei der Musikerin Danielle Ponder haben Männer oft das Nachsehen.

Ein derbes Gelage zur Feier der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Everything has changed“? Wenigstens ein nettes Essen in einem der angesagten Restaurants ihrer noch recht frischen Wahlheimatstadt Atlanta? Oder gar ein Date? Danielle Ponder lacht angesichts der ihr angetragenen Vorschläge, doch sie hat einen ganz anderen Plan, um den Tag, an dem ihre neue Platte rauskommt, zu etwas Besonderem zu machen. „Mit 44 feiert man am besten im Bett!“, stellt sie trocken fest. „Zusammen mit einer guten Tafel Schokolade werde ich mir die Serie ,East Of Eden’ reinziehen.“ Teil eins der Serienadaption des John-Steinbeck-Klassikers habe sie schon gesehen und für vielversprechend genug empfunden, sich auch den Rest zu geben. „Und wenn ich danach noch nicht müde bin, gönne ich mir vielleicht ein Gläschen Champagner.“
Sie sollte das Zelebrieren nicht vernachlässigen, denn „Everything has changed“ hat wirklich Höchstniveau. Ein Genre lässt sich an den Nachfolger des Debüts „Some of us are brave“ (2022) kaum dranpappen, immer wieder schlägt Ponder Haken: Die Bandbreite reicht von Woodie-Guthrie-inspiriertem Folk über Gospel, Soul, Rock und Wehmutsballaden, die ein wenig an Annie Lennox‘ emotionalem Entfremdungsklassiker „Why“ erinnern, und mit Mike Elizondo, der schon mit Dr. Dre, Fiona Apple und Turnstile gearbeitet hat, habe sie sich den perfekten Alleskenner als Produzenten ausgesucht, findet Ponder.
Als Pastorentochter und sechstes von sieben Kindern wuchs sie in Rochester im Bundesstaat New York auf. Weltliche Musik war bei den Ponders verpönt, doch beim vorletzten Sprössling war der Vater schon leicht verbotsmürbe. „Sobald er nicht mehr so genau hinschaute, habe ich alles aufgesaugt: Alanis Morissette, Nina Simone, Lauryn Hill, Pink Floyd, egal was.“ Ursprünglich habe Danielle Schriftstellerin werden wollen, entschied sich jedoch für ein Jurastudium, nachdem einer der Brüder wegen eines eher banalen Raubüberfalls zu zwanzig Jahren Zuchthaus verknackt wurde. Viele Jahre arbeitete sie als Pflichtverteidigerin vor allem für vom US-System benachteiligte Menschen. „Nach langer Zeit als Aktivistin und Anwältin war ich aber auch erschöpft von diesem Land, das gefühlt täglich verrückter wird.“ Da sie seit der College-Zeit gern mit der Gitarre auf kleinen Bühnen stand, wagte Ponder den Sprung und sattelte um. „Vor Gericht brauche ich vielleicht 20 Prozent Herz und 80 Prozent Kopf. Als Musikerin ist das Verhältnis umgekehrt.“
„Everything has changed“ markiert gleich mehrere Zäsuren: eine Liebesbeziehung endete, der Schwager starb, die Demenzerkrankung des Vaters verschlimmerte sich so sehr, dass er nicht mehr sprechen kann. „Ich musste mich in dieses Album hineinkämpfen, aber jetzt bin ich stolz, dass ich es geschafft habe.“ Dem ihr innewohnenden Optimierungsstreben habe sie sich endlich widersetzen können, sie sei milder geworden und weniger verbissen. Nur die Männer stehen bei Danielle Ponder weiterhin massiv unter kritischer Beobachtung, wie sie in wütenden Stücken wie „Made my Bed“ unterstreicht. „Kann sein, dass ich zu besessen davon war, die perfekte Verbindung zu finden, aber nach meinem ganzen Bemühungen habe ich schließlich begriffen, dass Männer krass überbewertet sind“, so Ponder. „Sie sind keine Götter und keine Retter, sondern ganz normale Menschen mit Problemen und Traumata. Männer neigen zur Selbstüberschätzung und erweisen sich schlussendlich oft als absolute Pfeifen.“
Musik


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