Er ist schon da
Während immer mehr US-Bürger:innen den Ernst der Lage erkennen, wartet schon jemand mit offenen Armen: Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy.
Will, danke, dass du dir die Zeit nimmst.
Will Oldham: Erst mal danke, dass du überhaupt noch mit einem Amerikaner sprichst.
Schlägt dir in letzter Zeit mehr Feindschaft entgegen, weil du aus den USA kommst?
Oldham: Vor 20 Jahren, während des Irakkriegs, war das auf jeden Fall so. Aktuell ist es zum Glück relativ offensichtlich, dass kein denkender Mensch die US-Regierung unterstützt. Aber was sie sich gerade leistet, ist so verstörend, dass ich verstehe, wenn man jemanden verantwortlich machen will. Und irgendwie sind wir das ja auch, immerhin sind wir offiziell eine Demokratie.
Ein Dilemma, mit dem sich auch dein neues Album beschäftigt.
Oldham: Als die erste Single „They keep trying to find you“ rausgekommen ist, sind gerade die Proteste gegen ICE losgegangen. Ich habe gedacht: Habe ich endlich ein Album gemacht, das zum Zeitgeist passt?
Würdest du nicht sagen, dass dir das schon oft gelungen ist?
Oldham: Ich würde sagen, ich bin besser darin geworden, mich klar auszudrücken. Und die Leute, die ich ansprechen möchte, sind stärker auf diese Themen fixiert. Das gibt den Songs mehr Leben, als sie vielleicht sonst gehabt hätten.
Das Album ist jedenfalls noch mal dringlicher als die Vorgänger.
Oldham: Wahrscheinlich hat die Welt mich einfach eingeholt. (lacht) Die mächtige und komfortable Position, in der sich die US-Bevölkerung so lange befunden hat, ist zu einer toxischen Bequemlichkeit geworden, bei der mir immer unwohl gewesen ist. Zum Beispiel, wenn die Menschen um mich herum ihr Privatleben bereitwillig an Tech-Giganten wie Meta verschenken: Oh, wie cool, sie sagen mir, welche Songs ich im letzten Jahr gehört habe! Was denkt ihr euch dabei?! Wenn mehr und mehr Leute gezwungen sind, darüber nachzudenken, sind sie vielleicht auch offener für Musik, bei der sich jemand etwas gedacht hat.
Weil du schon so lange im Krisenmodus bist, hast du gewissermaßen den Vorteil, dass du auch Gegenangebote machen kannst: Das Album ist ja zugleich auf eine Art extrem sanft und tröstlich.
Oldham: Familie ist ein großes Thema der Platte, aber Familie im weiteren Sinn: Es geht nicht nur um die Kernfamilie, sondern auch um meine Gemeinschaft, als irgendwie globaler Künstler, aber auch sehr konkret um meine Community hier in Louisville, Kentucky. Als ich ein Kind war, hieß es noch, das Elektron sei das kleinste Ding im Universum. Heute wissen wir, dass es immer noch kleinere Partikel gibt. Genauso kann ich hier immer noch tiefer graben und finde jedes Mal etwas, das mich heilt und herausfordert. Und mich darauf freuen, dass es meiner Tochter mal genauso gehen wird.
Mehr als viele andere Songwriter:innen schreibst du häufig über Freundschaft, auf diesem Album zum Beispiel in „The Children are sick“. Warum liegt dir dieses Thema so am Herzen?
Oldham: Als ich klein war, habe ich extrem oft die Schule gewechselt. Vielleicht habe ich deshalb Freundschaft nie als selbstverständlich gesehen. Das größte Kunstwerk, das wir im Leben schaffen, ist unser Netzwerk aus Beziehungen und Freundschaften. Weil das für viele von uns wie von selbst passiert, übersehen wir es leicht. Aber ich finde es spannend, intensiver darüber nachzudenken.