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Christopher Nolans „Die Odyssee“ im Kino: Epische Reise voller Widersprüche

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Odysseus (Matt Damon) erhält Rat von der Göttin Athene (Zendaya). (Foto: Universal Studios)

Nolans Adaption hat im Vorfeld viel Kritik geerntet und könnte doch das ultimative Fantasy-Epos des Jahrhunderts werden. Aber wie ist der Film eigentlich?

Das erst mal vorweg: Die Vorab-Debatten um Christopher Nolans „Die Odyssee“ waren zum absoluten Großteil Zeitverschwendung. Von Rassist:innen forcierte Scheindebatten, ob mit Lupita Nyong’o eine Schwarze Schauspielerin Helena spielen darf. Von Transphobiker:innen gepostete Tiraden, weil Elliot Page Achilles spiele (er spielt in Wahrheit Sinon, Achilles kommt gar nicht vor). Von Pedant:innen eingelegte Beschwerden, weil die Figuren mit amerikanischem Akzent sprechen und moderne Wörter nutzen statt antikes Griechisch. All das wäre lächerlich gewesen selbst ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei Homers „Odyssee“ um eine Fantasy-Geschichte handelt. Und nicht einmal um eine Geschichte, sondern um viele verschiedene, die mit der Zeit zu einer verschmolzen sind. Insofern ist jede Kritik, die Nolans Adaption auf Akkuratesse abklopfen will – sei sie nun historisch oder literaturwissenschaftlich motiviert – von vornherein müßig. Fragen kann man nur, ob Nolan den eigenen Ansprüchen gerecht wird, ob er ein kohärentes Bild zeichnet, ob er die epischen Weite der Vorlage einfängt. Und die Antwort lautet: ja – mit Einschränkungen. Denn nicht immer ist ganz klar, worauf Nolan eigentlich hinauswill, und ob er überhaupt etwas wollen will.

Ausgerechnet Christopher Nolan?

Okay, ein paar legitime Fragen hätte es im Vorfeld schon gegeben. Nicht wenige waren überrascht, als Nolan nach dem Erfolg mit „Oppenheimer“ ausgerechnet eine Homer-Adaption angekündigt hat. Hat der Regisseur doch in der Vergangenheit weder viel Interesse an antiker Geschichte demonstriert noch an der Art von pikaresker, episodischer Handlung, die die „Odyssee“ im Kern ja ist. Auch das Barocke und die archaische, uns heute fremdartig erscheinende Weltsicht schienen nicht so recht zu Nolan zu passen, der noch dem fantastischsten Batman-Schurken eine realistische – oder zumindest so anmutende – Grundierung verpasst hat.

Man hätte eher mit Peter Jackson gerechnet, mit Guillermo del Toro, vielleicht sogar mit Denis Villeneuve, der mit Nolan die Liebe zu klinischen Bildern teilt, dessen „Dune: Part two“ aber zugleich bewiesen hat, dass er auch die bizarren Aspekte eines Epos adaptieren kann. Doch „Die Odyssee“ beantwortet die Frage, was Nolan an diesem Stoff fasziniert, ziemlich früh: In fast allen seinen Filmen geht es um einen brillanten Mann, der einen fatalen Fehler macht und sich mit der eigenen Schuld herumschlagen muss – sei es Dom Cobb in „Inception“,  Bruce Wayne oder Robert Oppenheimer (und dass Nolan Oppenheimer die Wiedergutmachung verwehrt, ist ein Grund, warum der Vorgänger der „Odyssee“ sein wohl bester Film ist).

Odysseus’ Frau Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) warten seit Jahren auf seine Rückkehr. Foto: Universal Studios

„Die Odyssee“: Ein Mann will nach Hause

Zumindest für Nolan reiht sich auch Odysseus (Matt Damon) in diese Riege tragischer Genies ein: Seine List mit dem Trojanischen Pferd hat den Griechen den Krieg gewonnen, doch seine Arroganz und sein Vertrauen in den eigenen Intellekt sind auch schuld daran, dass die Heimreise nach Ithaka viele Jahre länger dauert als geplant und dass ihm seine Mannschaft reihenweise wegstirbt. Derweil warten seine Gattin Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) im heimischen Palast, während immer aufdringlichere Freier – darunter der schmierige Antinoos (Robert Pattinson) – jeden Abend Gelage feiern und darauf lauern, die Königin zu ehelichen und der nächste Herrscher zu werden.

Nolan erzählt nicht chronologisch von der holprigen Heimreise, was allerdings tatsächlich der Vorlage entspricht. Als wir Odysseus treffen, irrt er bereits seit Jahren an der Küste der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) herum und hat sein Gedächtnis verloren. Erst nach und nach kehren die Erinnerungen zurück. Und es sind diese einzelnen Episoden, in denen Nolans Film womöglich am stärksten ist. Auch, weil er sich – anders als etwa Wolfgang Petersens „Troja“ (2004) – dem Übernatürlichen nicht verwehrt: Götter, Monster und Magie sind nur zu real in der Welt des Films. Odysseus’ Gespräche mit Athene (Zendaya) könnte man noch als Halluzinationen abtun, doch der riesige Zyklop Polyphem (Bill Irwin) oder die Hexe Kirke (Samantha Morton) lassen sich nicht so einfach wegerklären. Tatsächlich gelingt es Nolan, beide Sequenzen überaus eindrucksvoll zu inszenieren: Er bedient sich mehr als je zuvor beim Horror und erzeugt sowohl in der dunklen Zyklopenhöhle als auch in Kirkes Hütte, wo sich Odysseus’ Männer in Schweine verwandeln, einen urtümlichen Schrecken, der die Routine zahlloser Adaptionen einfach hinwegwischt.

Antinoos (Robert Pattinson) erhofft sich von der Heirat mit Penelope die Macht über Ithaka. Foto: Universal Studios

Ein gewaltiges Ensemble gibt alles

Mortons zugleich gruselige und verletzliche Performance als Kirke ist dabei nur eine von vielen schauspielerischen Leistungen, die zweifellos die nächsten Oscars prägen werden: Nolan hat ein gigantisches Ensemble versammelt, das auf fast allen Ebenen überzeugt. Damon bleibt anfangs fast zu blass, doch im Verlauf des Films stellt sich diese Entscheidung als absolut richtig heraus. Holland lässt seinen Telemachos unmerklich vom ängstlichen Jungen zum Helden reifen, Zendaya schafft die Balance zwischen Erhabenheit und Mitgefühl, und Pattinson ist ein wunderbar hassenswerter Widersacher. Auch Nebenrollen wie Himesh Patel als Odysseus’ Vertrauter Eurylochos, Jon Bernthal als ruppiger Menelaos oder Elliot Page als tragisch verstorbener Krieger Sinon glänzen in verhältnismäßig kleinen Momenten. Einzig Anne Hathaway schießt stellenweise übers Ziel hinaus, bis wir in ihrer Penelope nicht mehr die Figur, sondern die angestrengt spielende Darstellerin sehen.

Mit Emotionen tut sich Nolan traditionell schwer: Oft wird ihm vorgeworfen, kalte und gefühllose Filme zu drehen; versucht er sich dann doch an emotionalen Momenten, kippt er leicht mal in den Kitsch wie in „Interstellar“. Doch in „Die Odyssee“ gelingen ihm gleich mehrere Gänsehautmomente. Eine gängige Odyssee-Interpretation ist, dass es im Kern schlicht um einen Mann geht, der versucht, nach Hause zu gelangen. Zeitweise scheint auch Nolan das zu denken, und solange er sich darauf konzentriert, ist die emotionale Wirkung sehr effektiv. Das liegt natürlich auch an den epischen Bildern von Kameramann Hoyte van Hoytema – dass „Die Odyssee“ im Kino, am besten in IMAX, gesehen werden sollte, versteht sich von selbst.

Eine Botschaft zu viel?

Doch Nolan gibt sich mit dieser simplen Interpretation nicht zufrieden. Auf einer zweiten Ebene erzählt er auch die Geschichte von Odysseus, der lernen muss, sich den Göttern und dem Schicksal zu ergeben. Für die Philosophen Adorno und Horkheimer – eine weitere Interpretation – war Odysseus das aufklärerische Subjekt schlechthin: Ein Mensch, der sich durch seine List von den Zwängen der Natur befreit, sich dadurch aber auch von sich selbst und anderen entfremdet. Etwas Ähnliches klingt an, wenn Nolan seinen Odysseus gegen die Prophezeiungen der Götter handeln und das Schicksal selbst in Frage stellen lässt. Erst, nachdem nur er allein übrig geblieben ist, lernt er Bescheidenheit und Ergebenheit. Und hier wird Nolans Botschaft etwas unklar, denn in Odysseus’ Welt ist das Schicksal real, und es macht keinen Unterschied, ob man sich dagegen auflehnt oder folgsam ist. Es sind ausgerechnet Odysseus’ fromme Mitreisende, die die Götter zum Tod verdammen, während er selbst als einziger davonkommt.

Foto: Universal Studios

Verkompliziert wird der rote Faden zusätzlich dadurch, dass Nolan im weiteren Verlauf des Films einen zusätzlichen Handlungsstrang einführt und „Die Odyssee“ zum Antikriegsfilm macht. Troja wird bei ihm zum Sinnbild aller martialischen Gewalt, Odysseus zum traumatisierten Veteranen. Immerhin war es sein Pferd, das zum Massaker an den Trojaner:innen führte. Doch die Verbindung zwischen beiden Moralen – hier: du musst dich den Plänen der Götter ergeben; dort: Krieg ist ein Zivilisationsbruch, der immer mehr Gewalt nach sich zieht – ist verschwommen. Immerhin sind es die Götter, die den Krieg angezettelt haben.

Kein postmodernes Epos

Man könnte diese Widersprüche als Fehler abtun. Oder sie würdigen als einen Versuch, mehr als einen Aspekt eines Werks einzufangen, das endlosen Interpretationsspielraum bietet. Es würde zu weit führen, Nolan eine postmoderne Adaption zu bescheinigen – dazu ist sein Film, trotz eines Songs von James Blake und Travis Scott im Abspann, trotz des mitunter atemlosen Tempos, mit dem er zwischen den Zeit- und Raumebenen springt, zu konventionell. Interessant ist auch, dass Themen wie Queerness, die in den letzten Jahren die popkulturelle Diskussion über das antike Griechenland stark geprägt haben, in dieser „Odyssee“ nicht vorkommen. Dass Christopher Nolan Schwierigkeiten mit Frauenfiguren hat, ist ein alter Hut, und auch hier haben alle Schauspielerinnen außer Hathaway und Morton eher Cameo-Auftritte. All das mag der Vorlage entsprechen, ist aber zugleich auch zu nah am alten Hollywood, um die Verfilmung zum ultimativen Fantasy-Epos des 21. Jahrhunderts zu machen.

Und doch: „Die Odyssee“ funktioniert über weite Strecken fast reibungslos, und das sogar auf mehreren Ebenen: als simples Epos, als emotionale Reise, sogar als Antikriegsplädoyer. Wer sich einfach nur für drei Stunden in einer anderen Welt verlieren will, wird hier ebenso auf seine Kosten kommen wie jemand, der gern stundenlang über die Bedeutung einzelner Szenen diskutiert. Ins Kino gehen sollten beide.

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