MUSIK

Clara Pazzini: Anders divers

Portraitfoto Clara Pazzini
Foto: Alexandra Kern

Diversität ist die Behauptung der Stunde – doch würden es alle Musiker:innen mit dem Sich-nicht-einordnen-Wollen wirklich ernst meinen, hätten wir wohl nicht immer noch einen Einheitssound im Radio. „Oft ist das einfach nur ein Schlagwort, das zur Steigerung der Vermarktbarkeit herangezogen wird“, stimmt Clara Pazzini zu. Auf dem Debütalbum der in Hamburg lebenden Künstlerin klingt Offenheit so: Der Titeltrack „Boxes“ ist ein Partysong, der klassische Streicher mit elektronischen Beats kombiniert und auch französische Rap-Parts integriert. Unmittelbar danach folgt die Ballade „Hourglass“, bei der Pazzini zwischen Operngesang und Spoken Words pendelt, bevor sie dann für das punkige HipHop-Stück „Antidote“ auch mal den Rockbass zur Hand nimmt.

„Wenn ein Konzern sich mit der Regenbogenfahne präsentiert, bedeutet das ja leider auch nicht, dass die eigenen Strukturen in Bezug auf Diversität durchleuchtet worden sind“ sagt Pazzini – und wechselt wenig überraschend von der musikalischen auf die politische Ebene. „I invite you all/to listen to each other/and the voices of those/who are constantly marginalized“, heißt es gleich im Prolog ihres Albums. Wenn sie sich im Titelsong feministisch positioniert und mit „Antidote“ harsche Kapitalismuskritik übt, speist sich das nicht zuletzt aus ihrer Biografie: Nach ihrer Schauspielausbildung ist Pazzini frustriert, weil ihr nur stereotype Frauenrollen angeboten werden. Lieber schreibt sie eigene Texte und geht mit ihrer „One Woman Show“ auf Tour, einer Mischung aus Theater und Musik, für die sie schließlich auch eine Band gründet. Als die #MeToo-Bewegung Fahrt aufnimmt, denkt sie zum ersten Mal über ein eigenes Album nach.

So gut es tut, die Botschaften von „Boxes“ zu hören, so frustrierend ist es eben auch, dass bei einem in Jahr 2021 veröffentlichtes Album noch immer der Appell im Prolog nötig ist. Doch über Mut will Clara Pazzini in diesem Zusammenhang gar nicht sprechen. „Das größte Problem ist immer die Angst, etwas falsch zu machen. Ich bin Feministin, aber eben in progress, und nur weil ich mich mit Rassismus beschäftige, heißt es ja nicht automatisch, dass ich alles weiß und immer alles richtig mache“, sagt sie. „Es geht darum, dass wir gemeinsam lernen und weiterkommen in dieser Gesellschaft. Wir dürfen nicht immer bequemer werden und immer mehr Gartenzäune um uns herum bauen, um die Wut und die Leere zu kompensieren.“

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