Spezial

Eine muslimische Kanzlerkandidatin

Constantin Schreiber veröffentlicht mit „Die Kandidatin“ seinen Debütroman
Constantin SchreiberFoto: Marlene Gawrisch

Sabah gönnt sich zwei, drei Stunden Entspannung und geht ins Kino. Constantin Schreiber zeigt, wie das vielleicht schon in zehn oder zwanzig Jahren aussehen könnte. „Sie liebt 007. Sie mochte schon James Bond, aber sie findet es prima, dass 007 jetzt eine diverse Agentin ist, eine schwarze lesbische Frau mit Behinderung. So kommt die politische Agenda immer mehr im Mainstream an. Imani, die preisgekrönte kenianische Schauspielerin, gibt eine unglaublich agile Agentin. Vergangenes Jahr hat sie für ihre Verkörperung der 007 einen goldenen Khan gewonnen. Das Preisgeld für die Khans, die jeden Februar in Mumbai verliehen und inzwischen als die wichtigsten Trophäen der Filmwelt gesehen werden, stammt aus dem Nachlass einer großen indischen Unternehmerin.“

Wenn der Bundesinnenminister als alter, weißer Mann seine Macht erhalten will, muss er sich mit jungen, diversen, muslimischen, weiblichen Personen mit Vielfaltsmerkmal umgeben.

Die Welt in „Die Kandidatin“ ist eine andere, und auch in Deutschland hat sich Mitte des 21. Jahrhunderts einiges verändert. Jene begeisterte 007-Zuschauerin etwa ist die 44-jährige Sabah Hussein, die für die Ökologische Partei als erste muslimische Kanzlerkandidatin antritt. Sabah wurde in einem Flüchtlingslager im Süden des Libanon geboren, und nach der Flucht über die Balkanroute nach Europa hat sie später in Neukölln in kleinen, engen Wohnungen gelebt. In ihrer Schulzeit macht sie Schlagzeilen, weil sie nicht im Burkini am Schwimmunterricht teilnehmen darf.

Später bietet ihr der Bundesinnenminister Gerhard Reuter einen Job an, denn dem stellvertretenden Vorsitzenden der ÖP ist klar: Wenn er als alter, weißer Mann seine Macht erhalten will, muss er sich mit jungen, diversen, muslimischen, weiblichen Personen mit Vielfaltsmerkmal umgeben. Innerhalb ihrer Partei setzt sich Sabah gegen ihre Konkurrentinnen durch, indem sie ihren Kampf für den Hijab sowohl als feministische Geste als auch als einen Kampf gegen Rassismus proklamiert. Weltoffenheit, Diversität, Antikapitalismus, Feminismus, Antirassismus: Mit ihre Programmatik hat Sabah gute Chancen, die Wahl zu gewinnen, nicht zuletzt weil erstmals alle Menschen in Deutschland ab 16 Jahren mit Aufenthaltsstatus wählen gehen dürfen, während Menschen ab 70 von der Abstimmung ausgeschlossen sind.

Rechte Ideologie, Hass und Hetze sind online allgegenwärtig und so wirkmächtig, dass sie einen immer größeren Teil der politischen Diskussion prägen.

Doch es gibt auch Gegenwehr, und da kämpft ein gewisser Sven Birn in vorderster Front. „Der stämmige Fünfzigjährige ist der Star der neuen Rechten, die im Netz längst zur Meinungsmacht aufgestiegen sind. Trotz neuer Gesetze, trotz strengerer Auflagen gegen die Betreiber sozialer Medien. Rechte Ideologie, Hass und Hetze sind online allgegenwärtig und so wirkmächtig, dass sie einen immer größeren Teil der politischen Diskussion prägen.“

Birn betreibt die Website tnt-news.de, mit der er Fake News produziert. Er ist Mitglied der ZfD, der Zukunft für Deutschland, die im Bundestag und in allem Landesparlamenten vertreten ist. Und vor allem hat er in Mecklenburg-Vorpommern im großen Stil Land erworben. In einer menschenleeren Ecke in der Seenplatte will er eine Utopie der neuen Rechten in die Tat umsetzen: ein eigenes Reich namens Neu-Gotenhafen. Steckt er dahinter, als plötzlich kompromittierende Informationen über Sabahs Vergangenheit an die Öffentlichkeit geraten und ihren Wahlsieg gefährden?

„Tagesschau“-Sprecher Constantin Schreiber ist ein großer Kenner der arabischen Welt. 2016 hat er den Grimme-Preis für die deutsch-arabische Talkshow „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ gewonnen, in der er Geflüchteten das Leben in unserem Land erklärt, und 2019 hat er zudem die Deutsche Toleranzstiftung gegründet, die sich für den interkulturellen Austausch im In- und Ausland einsetzt. Nach Sachbuch-Bestsellern wie „Inside Islam“ und „Kinder des Koran“ überzeugt der 41-Jährige jetzt auch mit seinem ersten Roman: „Die Kandidatin“ ist ein sowohl kluges als auch spannendes Gedankenexperiment, das auch differenzierte Darstellung der Protagonistin nicht scheut. Schreiber zeichnet eine fiktive Zukunft, die entlarvende Schlaglichter auf unsere Gegenwart wirft.

Da gibt es den Skandal in der Bundeswehr: Soldaten verkleiden sich zum Buntfest, dem früheren Fasching, als indianische Ureinwohner und posieren für Fotos. Es wird eine Weißensteuer diskutiert und auch, ob Personen nicht nur eine bestimmte Pro-Kopf-Quadratmeterzahl zustehen sollte. Gedruckte Tageszeitungen gibt es nicht mehr, dafür floriert jetzt Peer Journalism. Weil Polizeiabzeichen bei Menschen mit Vielfaltsmerkmal häufig Stressreaktionen auslösen, wird die Polizei in Neukölln durch Bürger:innen-Verantwortliche ersetzt. Und natürlich fehlt auch Jonas Klagenfurt nicht: Er schreibt für AKUT, Deutschlands größtes Boulevardmagazin, das vor allem für nackte Frauen, Genderbashing und Kritik an der Migrationspolitik steht.

„Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber bei Hoffmann und Campe.

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