Damian Hardung über Corpus Delicti: Auf die Fehlbarkeit
Juli Zehs dystopischer Roman „Corpus Delicti“ ist vielleicht aktueller als je zuvor. Damian Hartung spielt in der Verfilmung einen Revolutionär.

Damian, du hast die Rolle des Moritz Holl bereits vor einigen Jahren im Theater gespielt. Und nun in einer Kino-Verfilmung. Wer ist dieser Charakter für dich?
Damian Hardung: Wenn man Kategorien zur ersten Einordnung verwendet, sehe ich in Moritz eine Reflexion von „Narziß und Goldmund“: Ratio und Herz. Wenn seine Schwester Mia Holl die Vernunft ist, ist Moritz das brennende Herz. Oder um Hesse zu zitieren: Er ist jemand, der in der Fülle ertrinkt. Er will alles – die Personifikation des inbrünstigen Wunsches zu leben.
An einer Stelle im Film heißt es: „Die ,Methode‘ ist nur wirksam, wenn alle mitmachen“. Da klingt Faschismus an. Auch oder gerade, weil die Regeln der Methode so verführerisch klingen, grenzen sie alle aus, die nicht mitmachen wollen.
Hardung: Ich habe mich, auch im Hinblick auf den Film, viel mit der Frage beschäftigt: Wie sind Gesellschaften aufgebaut, und wie werden sie von egalitären demokratischen Gesellschaften zu totalitären? Gibt es vielleicht sogar Anzeichen für deren Verfall? Und es ist historisch vielfach vorfindbar, dass die Einschränkung von Freiheitsstrukturen und der Aufbau von extraktiven Gesellschaftsformen diese letztlich in den Untergang führen.
Als Juli Zeh zuerst das Theaterstück und dann 2010 das Buch geschrieben hat, war die Welt eine andere, und wir sind den dort beschriebenen Dystopien durchaus etwas näher gekommen. Wir empfindest du diese Entwicklung für deine Generation?
Hardung: Ich denke, dass Corona definitiv für viele Menschen ein einschneidendes Ereignis war und viele Gewohnheiten umgeworfen hat. Was ich hinsichtlich dieser Entwicklung wichtig an unserem Film finde, ist, dass er ein Appell an Menschlichkeit, unsere Zweifel und unsere eigene Fehlbarkeit ist. Im Film heißt es: „Die Methode ist menschengemacht, und Menschen machen Fehler. Deshalb ist auch die Methode fehlerbehaftet.“ Für mich abgeleitet, heißt das nichts anderes als: Eine KI ist nur so gut wie die Daten, die wir eingeben. „Corpus Delicti“ und auch die Tragik meiner Figur sind ein elementares Beispiel dafür. Da heißt es auch für eine Gesellschaft, sich immer wieder zu hinterfragen, was Fortschritt überhaupt bedeutet. Zum Beispiel hat die industrielle Revolution nicht per se Fortschritt für alle Menschen gebracht. Erst durch demokratisches Abwägen, wie wir neue Technologien gesellschaftlich strukturieren, konnten alle davon kollektiv profitieren. Vor so einem Umbruch stehen wir anscheinend nun wieder.
Der Film stellt speziell deiner Figur die Frage, wie weit sie gehen würde, um ihre Freiheit zu verteidigen. Wie würdest du diese Frage beantworten?
Hardung: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Freiheit als Selbstverständlichkeit angesehen wurde. Dass sich das gerade ändert, ist ein Switch, den ich erst selber verinnerlichen muss. Ich würde niemals von mir behaupten, dass ich die Stärke eines Moritz Holl besitze. Ich finde es inspirierend, wie er für seine Ideale kämpft. Inspiriert hat mich auch eine Annäherung an den Begriff der Freiheit von Historiker Timothy Snyder, der als eine der Säulen der Freiheit die Faktizität nennt. Dort anzusetzen und gegen die gravierenden Unwahrheiten und Lügen anzutreten, denen wir ständig exponiert sind, ist für mich schon mal ein Etappensieg für die Freiheit.
Konntest du dich im Vorfeld mit Juli Zeh über das Buch und deine Rolle auseinandersetzen?
Hardung: Ich selber nicht, aber unsere Regisseurin Lena Stahl hatte viel Austausch mit Juli Zeh. Natürlich ist der Film nicht eins zu eins das Buch – und das tut mir sehr leid für alle zukünftigen Abiturienten, die sich mit der Lektüre beschäftigen müssen. (lacht) Mir war in der Arbeit mit Lena aber wichtig, dass meine Rolle als Moritz Holl nicht als Opfer und seine Freiheit als eine positive und kollektive Freiheit dargestellt wurde, damit diese Rolle nicht missbräuchlich von negativen Freiheitsfanatikern gekapert wird.
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