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Das Märchen von der Straße
Bestsellerautor Christian Huber („Man vergisst nicht, wie man schwimmt“) erzählt in seinem neuen Roman „Solange ein Streichholz brennt“ die Liebesgeschichte zwischen einem Obdachlosen und einer Journalistin
Beim Titel denkt man an Hans Christian Andersen, doch Bohm ist kein kleines Mädchen mit Schwefelhölzern, sondern ein 36 Jahre alter Mann. Allerdings lebt er auf der Straße und muss wie das Kind aus dem Märchen hungern und frieren. Als die junge Fernsehjournalistin Alina den Auftrag bekommt, eine Doku über Obdachlosigkeit zu drehen, kommt Bohm gerade recht. Sie begleitet ihn auf seinen Streifzügen durch die Stadt, und wider Erwarten kommen sich die beiden näher. Aber Bohms komplizierte Vergangenheit und Alinas zynischer Chef stehen dem Happy End im Weg …
Niemand weiß genau, wie viele wohnungslose Menschen in Deutschland leben, doch eins ist klar: Die Zahl steigt. Trotzdem gibt es erstaunlich wenige fiktionale Beschäftigungen mit diesem Thema. Allein, dass Christian Huber in seinem neuen Roman gegen den Strom schwimmt, ist ihm hoch anzurechnen. Sein detailgetreues Nachzeichnen von Bohms Alltag, den Problemen und Herausforderungen, denen er sich stellen muss, weckt Sympathie nicht nur für seine Hauptfigur, sondern in den besten Momenten auch für eine ganze Bevölkerungsgruppe. Zugleich kennt Huber, der etwa fürs „Neo Magazin Royale“ geschrieben hat, die Medienbranche von innen, sodass auch Alinas von Karrieredruck und Vorurteilen gekennzeichnete Welt von Anfang an plausibel erscheint. Das alles ist wichtig, denn nur so schafft es Huber, dass die dann doch ziemlich unwahrscheinliche Liebesgeschichte uns glaubwürdig vorkommt. Zugleich ist „Solange ein Streichholz brennt“ dezidiert ein Roman, der mitreißen und bewegen will, was auf Kosten von Komplexität und Überraschung geht: Alinas böse Vorgesetzte sind primär Karikaturen, Bohms dunkle Vergangenheit kommt genau im richtigen Moment zum Tragen, und jede Wendung bleibt letztlich ziemlich vorhersehbar. Auch wenn Huber sich zumeist gegen Sentimentalität sträubt, ist „Solange ein Streichholz brennt“ am Ende auch ein bisschen ein Märchen. Hans Christian Andersen hätte den Roman wohl gemocht.
