„Der Fremde“ im Kino: Das flirrende Nichts
Keine Moral, kein Sinn: François Ozon hat „Der Fremde“ von Albert Camus neu verfilmt. Das existenzialistische Drama läuft jetzt in den Kinos.
Er habe nicht viel zu sagen, also spreche er auch nicht viel, sagt der junge Meursault, als er wegen der Tötung eines Arabers vor Gericht steht. Es ist der erste Teil von Francois Ozons Neuverfilmung von Albert Camus’ absurd-existenzialistischem Romanklassiker, der am meisten Eindruck macht, weil Ozon („Wenn der Herbst naht“) dem Credo seines Protagonisten folgt. „Der Fremde“ läuft jetzt in den Kinos.
Wir sehen den jungen Angestellten Meursault (Benjamin Voisin, „Verlorene Illusionen“) in der französischen Kolonie Algerien in den 1930er-Jahre in erlesenen, hochscharfen Schwarz-Weiß-Bildern seinem Dasein nachgehen. Er arbeitet, isst, trinkt, raucht (viel!), beerdigt seine Mutter, freundet sich mit dem Zuhälter-Nachbarn Sintès (Pierre Lottin, „Die leisen und die großen Töne“) an, verbringt Zeit mit seiner Geliebten Marie (Rebecca Marder, „Mein fabelhaftes Verbrechen“). Doch nichts bedeutet ihm etwas, innerlich ist er reglos und leer. Moral kennt er ebenso wenig wie Sinn oder Empfindungen. Liebe er Marie? Das bedeute doch nichts. Wolle er für den Job nach Paris gehen? Ein Leben sei so gut wie das andere. Nihilismus pur. Dann erschießt Meursault an einem heißen Tag am Strand den Bruder einer jungen Frau, die Sintès zur Prostitution nötigt. Nun beginnt Mersault zu reden – was aus Ozons flirrender Studie eine klassische Literaturverfilmung macht, aolide, aber ohne die Sinnlichkeit und das Brodeln der ersten Hälfte die auch Hauptdarsteller Benjamin Voisin mit seiner Mischung aus Nouvelle-Vague-Sexappeal und kafkaeskem Gleichmut zum Hingucker macht.