Die Dichterin von Özge İnan
Özge İnan erzählt in ihrem neuen Roman „Die Dichterin“ von zwei jungen Frauen, die sich in der Medienbranche behaupten wollen. Und sie stellt die Frage, wer welche Geschichten erzählen darf.

Einer Hochstaplerin auf der Spur
Özge İnans zweiter Roman dreht sich um ein Bedürfnis, das wir alle in uns tragen: das Bedürfnis, einen Unterschied zu machen. Der Roman spielt in der Kulturbranche und ist aus zwei Perspektiven erzählt: Emma Rodenstock und Nazanin Esfahani. Die junge, ehrgeizige Journalistin Nazanin möchte sich unbedingt mit einem Porträt ihren Arbeitsplatz in der prekären Journalismusbranche sichern. Subjekt dieses Porträts ist die gefeierte Dichterin Emma Rodenstock, die in kürzester Zeit zu einem Medienphänomen herangewachsen ist und in Gedichten ihre vermeintlich eigenen Erfahrungen mit sozialer Ungleichheit und Armut thematisiert. Nazanin hat das Gefühl, dass hinter Emmas Erfolg irgendein Geheimnis steckt. Um es sich selbst und der Welt zu beweisen, begibt sie sich auf die unnachgiebige, fast obsessive Suche nach der Wahrheit. Würde sie beweisen können, dass Emma eine Hochstaplerin ist, wäre das der Durchbruch für ihre Karriere.
Leider wirkt der Einstieg an manchen Stellen etwas konstruiert und verkopft, aber spätestens ab der Hälfte zieht der fast schon thrillerartige Spannungsaufbau so richtig in den Bann. Das liegt jedoch eher an der gut durchdachten Handlung als an der Sprache, die eher hölzern und nüchtern ist, sodass man sich den Charakteren nie so richtig verbunden fühlt.
Die Tücken der Kulturbranche
Dennoch gibt Özge İnan spannende Einblicke in die Schattenseiten der männerdominierten, konkurrenzgetriebenen Journalismus- und Literaturbranche, zumal sie beide Welten kennt, da sie selber Journalistin und Autorin ist. Unverblümt schreibt İnan über Vergleiche, Neid und Konkurrenzgedanken ihrer teilweise sehr ego-getriebenen und nicht immer sympathisch wirkenden Protagonistinnen.
Die Wahrheit zum Preis der Lüge
Der Kern des Romans ist die Frage: Wer kann oder darf welche Geschichten erzählen, wenn sie doch dazu dienen, die Wahrheit zu offenbaren? Darf man lügen, um anschließend den Raum zu haben, die Wahrheit zu erzählen? Als Lesende:r will man unbedingt verstehen, warum Emma Rodenstock ihre Biografie erfindet, warum sie sich als Autorin von Gedichten ausgibt, die sie nicht selbst geschrieben hat. An manchen Stellen ist es fast gruselig, sich diesem Rätsel zu stellen. Aber es gibt eine Belohnung, denn İnan deckt die Psychologie einer Hochstaplerin auf, macht das Motiv nachvollziehbar und malt damit ein vielschichtiges, komplexes Bild über das Zusammenspiel von Inszenierung und Wahrheit. Damit ist der Roman besonders interessant für all jene, die sich mit der Medienbranche, mit Selbstinszenierung und sozialer Ungleichheit beschäftigen.

Literatur


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