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Film

Doris Dörrie über Frau Winkler verlässt das Haus: Von der Zukunft eingeholt

In ihrem neuen Film lässt Doris Dörrie eine gealterte Schauspielerin und einen Pflegeroboter aneinander geraten. Das erweist sich als überraschend prophetisch.

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(Foto: Mathias Bothor)

Frau Dörrie, Ihr Film berührt viele Themen: Altern und Krankheit, die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern, KI. Welches Thema steht für Sie im Zentrum?

Doris Dörrie: Im Zentrum steht natürlich schon die plötzliche Hilfsbedürftigkeit von Frau Winkler, und ihre Angst, damit allein zu sein und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Das war der Kern der Geschichte: Was passiert mit jemandem, der oder die Hilfe braucht, wenn die Tochter keine Zeit hat, sich nicht kümmern kann oder nicht will? Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht, weil ich mit meinen Eltern über viele Jahre in einer ähnlichen Situation war.

Hat Ihnen der Film geholfen, eine Antwort auf diese Frage zu finden? Die Botschaft ist letztlich ja eher ambivalent.

Dörrie: Ich finde es auch ambivalent. Bei der Pflege meiner Eltern habe ich durchaus überlegt, ob ein Roboter das nicht besser könnte, weil ich nicht gut darin war: Ich war oft ungeduldig, es hat mich wahnsinnig belastet, ich habe mich zerrissen gefühlt zwischen meiner Arbeit und der Pflege. Da habe ich mich manchmal gefragt, ob ein Pflegeroboter oder eine KI-Assistenz meinen Eltern nicht lieber gewesen wäre.

Im Film funktioniert das dann ja teilweise sehr gut.

Dörrie: Frau Winkler bekommt tatsächlich viel von diesem Roboter, er bringt sie auch wieder zum Spielen, wozu die Tochter niemals die Geduld hätte. Auf der anderen Seite gibt es diese ökonomischen Überlegungen, die ihm schon einprogrammiert sind, dass er ihr Leben beenden soll, wenn es ihr noch schlechter geht. Immerhin verursacht sie als alter, kranker Mensch auch Kosten. Und an dem Punkt sind wir ja gesellschaftlich schon lange. Wir stecken doch schon in Diskussionen darüber, wie lange man noch künstliche Gelenke oder teure Chemotherapien bekommen soll.

Gerade, was den Umgang mit KI angeht, ist der Film prophetisch: Pflegeroboter wie Pawlowitsch im Film gibt es hier zwar noch nicht. Aber Sie nehmen vorweg, wie sehr die Gesellschaft von Chatbots durchdrungen ist. Haben Sie sich das träumen lassen, als Sie das Drehbuch geschrieben haben?

Dörrie: Nein, damals war das noch sehr utopisch. Und dann ist die Zukunft doch sehr schnell auf mich zugekommen! (lacht) In New York gab es kürzlich eine Werbekampagne für friend, ein kleines Teil, was man sich um den Hals hängen soll, um ständig online zu sein und mit einem KI-Assistenten chatten zu können. Das wurde sehr angefeindet von Aktivisten. Gleichzeitig lese ich, wie viele Menschen regelmäßig mit KI interagieren – und dabei geht es nicht um Wissensfragen, sondern um Persönliches.

Der Film ist zugleich eine Liebeserklärung ans Theater, ans Schauspiel: Frau Winkler war Schauspielerin, ihre Tochter Emi tritt in ihre Fußstapfen und spielt Tschechows „Drei Schwestern“. Was macht Tschechow für Sie noch immer so aktuell?

Dörrie: Für mich liegt diese Relevanz darin, dass Tschechow immer wieder Personen beschrieben hat, die completely lost sind, und zwar in einem Übergang von einer Zeit in eine andere. Besonders die drei Schwestern sehnen sich in die alte Zeit zurück, aber es gibt kein Zurück mehr. Zugleich brechen sie aber auch nicht in die Zukunft auf. Auch die große Sehnsucht nach Liebe erfüllt sich für sie nicht, da sie nicht wirklich aktiv werden. Das finde ich sehr aktuell: Ich habe das Gefühl, dass wir zumindest hier in Deutschland wie in Aspik sitzen. Wir trauen uns nicht nach vorne, wir gucken sehr stark zurück – wir sind wie gelähmt.

Das spiegelt sich auch auf der Metaebene des Films: Nicht nur tritt Emi im selben Stück auf wie ihre Mutter früher, die junge Version dieser Mutter wird ebenso wie Emi von Laura Tonke gespielt.

Dörrie: Zum einen deshalb, weil sie sich sehr ähnlich sehen, aber ich wollte damit auch ein Verrutschen von Zeit und Erinnerung erzählen. Die Vorstellung von analoger Zeit löst sich vor unseren Augen auf in der unglaublichen Verfügbarkeit von gespeicherter Information über uns selbst – im Film weiß ja die KI alles, was wir jemals getan haben. Für diejenigen von uns, die noch aus einer analogen Zeit kommen, sind das Erinnerungen – nicht Tatsachen, die man jederzeit abrufen kann. Das verändert das Zeitempfinden natürlich komplett, das Gefühl von subjektiver Erinnerung an meine eigene Lebenszeit verrutscht – denn alles ist ja komplett archiviert.

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