FILM

Die Nacht der fragilen Wahrheit

Die Lehrerin Laura (Felicitas Woll, Foto) wird von ihrer Schwester auf ein Date mit dem Arzt Hendrik (Barry Atsma) verkuppelt. Sie sind beide Single, er seit längerer, sie seit nicht gar so langer Zeit, und auf der Suche nach einem neuen Partner. Nach dem Essen gehen sie gemeinsam zu ihr in die Wohnung und trinken noch einen Wein. Am nächsten Tag zeigt Laura Hendrik wegen Vergewaltigung an, und Hendrik (Barry Atsma, „Bad Banks“) wandert in Untersuchungshaft. Doch schon schnell kommt der alleinerziehende Vater und Schwarm aller Frauen in Cuxhaven wieder frei.
„Du sollst nicht lügen“ auf Sat.1 ist nicht nur als Beitrag zur #meetoo-Debatte angekündigt, die vierteilige Miniserie mit einer Lauflänge von drei Stunden beginnt auch als solche: Laura und Hendrik haben eine komplett unterschiedliche Erinnerung an die Vorkommnisse des gemeinsamen Abends, was dessen Ende anbetrifft. Während Hendrik von einvernehmlichen Sex spricht, wirft ihm Laura vor, sie mit KO-Tropfen wehrlos gemacht und vergewaltigt zu haben. Leider hält die Serie diese Konstellation nicht durch.
Die Gründe dafür sind vielfach. Einer davon ist, dass Laura von Beginn an latent unglaubwürdig geschildert wird. So gibt es Andeutungen über vergangene Vorkommnisse, die ihre Glaubwürdigkeit untergraben könnten, falls die Polizei oder Hendriks Verteidigung im Falle eines Prozesses sie auf den Tisch legen würden. Und schon Mitte der zweiten Folge gibt es einen Twist, der hier nicht genannt werden kann, dem Plot aber eine entscheidende Wendung verleiht.
Ohne ins Detail gehen zu können – es geht hier schließlich um einen Thriller -, muss gesagt werden: „Du sollst nicht lügen“ verspielt seinen ernsthaften Ansatz. Auch die Tatsache, dass der Thrill bei der Stange hält, täuscht nicht über den Mangel an einem ernthaften Umgang mit einem so wichtigen Thema der Gegenwart – der männlichen sexuellen Gewalt – hinweg. Die Serie wendet sich von der Frage nach Glaubwürdigkeit in der Folge einer wahren oder vermeintlichen Vergewaltigung ab. Was noch schwerer wiegt: Die Zerstörung der Leben von Opfer und wahrem oder vermeintlichem Täter als Konsequenz einer Anzeige, ganz zu schweigen die psychischen Folgen – alle diese wichtigen Themen werden über Bord geworfen. Warum? Die Serie wechselt ihr Genre hin zum Thriller. Reihenweise wird auf allen Seiten das Gesetz gebrochen im Namen von selbst definierter Gerechtigkeit, Hauptpersonen der Handlung verlieren ihre Ambivalenz, während die Handlung selbst immer reißerischer wird. Dass Felicitas Woll und Barry Atsma ihre Figuren dabei noch verdammt gut rüberbringen, kann ihnen nicht hoch genug angerechnet werden.
„Du sollst nicht lügen“ ist somit enttäuschend. Dass man den Titel „Liar“ des Originals nicht übersetzen könne, wie im Pressetext steht, weil man dann gendern müsse und damit verrate, wer von den beiden lüge, ist dennoch nicht von Belang: Der Großteil der Serie schert sich herzlich wenig darum, wer gelogen hat, weswegen der Vierteiler schnell als Beitrag zur #MeToo-Debatte verbrannt ist. Immerhin: Spannend ist die Miniserie. (jw)

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