Dustin Hoffman

Am Set von „Wenn Träume fliegen lernen“ verlor er eine Fingerspitze und drehte am nächsten Tag weiter – vollgepumpt mit Morphium. Dustin Hoffman ist nicht mehr der Perfektionist, der er einst war – er genießt jetzt sein Leben. Und besteht mit Ende 60 eine zweite Reifeprüfung: auch mal Scheitern zu dürfen.

_ulysses: Mister Hoffman, „I Heart Huckabees“ ist ein filmgewordener Selbstfindungsdialog. Wann hatten Sie Ihre letzte Identitätskrise?

Dustin Hoffman: Das war zu der Zeit, als ich keine Filme gedreht habe, das ist jetzt einige Jahre her. Irgendwas hat nicht mehr funktioniert, ich weiß nicht mal genau, was es war. Ich habe mich ausgebrannt gefühlt, als wäre mir meine Leidenschaft abhanden gekommen. Und ich dachte mir, vielleicht sollte ich schreiben. Also fing ich mit dem Schreiben an, und hatte auch ein paar Drehbücher in Vorbereitung, und auf einmal sagte jemand zu mir: „Ist dir klar, dass du seit drei Jahren keine Rolle mehr angenommen hast?“ Da dachte ich, es wäre an der Zeit, wieder anzufangen.

_ulysses: Wie konnte es zu einer derartigen Krise kommen?

Hoffman: Das hat mich meine Frau auch gefragt. Es hatte sich alles verändert. Ich war älter geworden, die Rollen, die mir angeboten wurde und auch werden, sind nicht mehr so interessant. Das Geschäft hatte sich verändert, und meine Auswahlkriterien waren einfach zu hart. Sie haben es mir fast unmöglich gemacht, überhaupt etwas zu finden.

_ulysses: Wie sahen diese Kriterien aus?

Hoffman: Es musste einfach alles stimmen. Ich war den Luxus gewöhnt, dass ich aus dem Vollen schöpfen konnte. Ich habe immer schon vor den Dreharbeiten zu viel vom Drehbuch verlangt, ich wollte keine Drehbücher, sondern göttliche Fügungen. Die richtige Rolle, die richtige Story, die richtigen Kollegen, der richtige Regisseur und das richtige Timing. Ich habe mir so hohe Hürden gebaut, dass ich gar nicht erst anfangen brauchte, nach Rollen zu suchen.

_ulysses: Und wer hat Ihnen daraus geholfen?

Hoffman: Meine Frau. Sie schaute mich an und fragte: „Warum wirfst du nicht alles aus dem Fenster? Ich fragte, was sie meinte. Sie sagte, dass ich schon immer behauptet habe, dass das eigentliche Drehen eines Filmes der spannende Teil der Arbeit ist – und das stimmt. Es ist die kreative Erfahrung, die man jeden Tag mit anderen Menschen teilt. Es ist eine Familie, wie eine Jazzsession, wie Musiker, die zusammen spielen. „Tja“, fragte sie, „warum nimmst du dann nicht das als Auswahlkriterium?“

_ulysses: Geht es Ihnen nun besser?

Hoffman: Ich habe mich noch nie besser gefühlt. Ich wünschte mir, dass ich schon früher so empfunden hätte. Ich habe eine Lektion gelernt: Nicht das Resultat ist das Wichtigste. Für mich war immer das Wichtigste, ob ein Film funktioniert, oder ob ich funktioniere. Oder mit anderen Worten: Ob ich siege oder nicht. Das denke ich jetzt nicht mehr.

_ulysses: Sie leben freier.

Hoffman: In dieser Hinsicht, ja. Es gibt keine größere Freiheit, auch wenn man das leicht sagen kann. Wir alle müssen unseren Lebensunterhalt bestreiten, und ich weiß, dass ich da natürlich eine luxuriösere Position habe. Es gibt keine größere Freiheit, als mit kreativen Leuten zu arbeiten, die eine Vision haben. Da ist es egal, ob die Rolle oder der Film vielleicht nicht ganz so hinhauen, denn letztlich wächst man doch sowieso an seinen Fehlern. Wer sich nur um das Siegen sorgt, lähmt sich selbst. Nur wenn man Risiken eingeht, kann man wahre Erfahrungen machen.

Interview: Markus Tschiedert

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