Zum Inhalt springen

„Das kann ich jetzt nicht!“: Frank Spilker von Die Sterne über „Wenn es Liebe ist“

Die Sterne – Bandfoto
Frank Spilker (3. v. l.) von Die Sterne hat weiterhin keine Angst davor, mit seiner Musik Grenzen zu überschreiten. (Foto: Stefan Braunbarth)

Seit mehr als 30 Jahren sucht Frank Spilker mit Die Sterne den Diskurs. Doch wie soll das in unserer postfaktischen Gegenwart funktionieren?

Frank, gleich im Opener der neuen Platte fällt das Wort „Überforderung“. Das war auch der Ausgangspunkt, oder? Die Erkenntnis, dass eine Sterne-Platte in der jetzigen Welt nicht mehr funktioniert …

Frank Spilker: Unser ganzer Kosmos, der Diskursraum, in dem man normalerweise agiert, bricht in sich zusammen. Die Regel gilt nicht mehr, dass man innerhalb einer zivilisierten Auseinandersetzung nur Dinge behauptet, die man auch belegen kann. Also macht auch unsere bisherige Art zu reden überhaupt keinen Sinn mehr. Man schwenkt die Fahne der Aufklärung, während um einen herum alles wieder in die Barbarei und ins Mittelalter zurück will. Mein Grundgefühl vor dieser Platte war: Das kann ich jetzt nicht!

Kann man sagen, ihr tragt mit „Wenn es Liebe ist“ den Diskursrock zu Grabe?

Spilker: Ich hoffe nicht. Ich glaube eher, dass der Diskurs zu Grabe getragen wird, wenn man ihn jetzt nicht beschützt. Was gerade passiert, halte ich für brandgefährlich. Wenn man auf die Werkzeuge der Rationalität verzichtet und das Mittel der postpolitischen Auseinandersetzung letztlich pure Macht ist, dann bleibt eigentlich nur Gewalt. Und das ist nicht besonders toll.

Dieses Dilemma ist für dich als Texter viel schwieriger als für den Musiker Frank Spilker, oder?

Spilker: Klar, musikalisch lässt sich eine Emotion wie Wut gut ausdrücken. Aber auch textlich gibt es ja durchaus Vorbilder. Nimm Dada als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg: Es macht nichts mehr Sinn, also schreibe ich die Texte auch so, dass ich gar nicht erst versuche, mich an einem konstruktiven Dialog zu beteiligen.

Dann sind die Texte von „Wenn es Liebe ist“ also Dada?

Spilker: Es ist immer Spaß, aber ich ordne jedem Song auch eine klare Aussage zu. Und ich behaupte schon zu wissen, in welche Richtung ich die Hörenden gedanklich schicke.

In „Ändern wir je den Akkord“ heißt es „Vielleicht wäre es gut/Und die Vernunft würde siegen“. Das spielt auf „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von Tocotronic an, oder?

Spilker: Ich verstehe ja den Impuls, dass man nicht kontrolliert oder autoritär gedeckelt werden will von der sogenannten Vernunft. Aber diesen Satz darf man jetzt nicht mehr so stehen lassen. Im Grunde steckt in unserem Song noch ganz viel Pandemieverarbeitung: mit Anthroposophie, mit dem Irrationalen und Pseudowissenschaften etwas bekämpfen, was man nicht versteht. Das hat die ganze Scheiße, in der wir jetzt leben, noch mal verstärkt. Ich glaube aber nicht, dass das von Tocotronic so gemeint war, wie es jetzt passiert ist.

Ihr habt bei jeder Sterne-Platte die Veränderung gesucht, aber das neue Album ist meiner Meinung nach am radikalsten: als Spaß getarnte Diskursbeiträge, ein zehnminütiges Instrumental mit dem Titel „Immer noch sprachlos“, und mit „Open Water“ ist da vor allem auch ein ergreifender Song von Keyboarderin Dyan Valdés, den sie auch noch auf Englisch singt.

Spilker: Wir hatten keine Scheuklappen oder Angst vor Grenzüberschreitungen. Dyan hat einen sehr persönlichen Song geschrieben, und als ich den gehört habe, war mir sofort klar, dass er perfekt in den Sterne-Kosmos passt. Und es ist doch super, wenn es für Irritationen sorgt, dass da plötzlich nicht ich singe. Wenn man das so lange macht wie wir, ist es ja fast schon unmöglich, noch zu überraschen.

Beitrag teilen:
kulturnews.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.