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Friederike Gösweiner – Traurige Freiheit

In ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“ zeigt die 36-jährige Österreicherin Friederike Gösweiner gegen welche Wände eine Generation läuft, der doch angeblich alle Möglichkeiten offenstehen.

Friederike, in „Traurige Freiheit“ erzählst du von Hannah, die für ein Praktikum bei einer Berliner Zeitung ihr Heimatkaff in Österreich verlässt und auch die Trennung von ihrem langjährigen Freund in Kauf nimmt. Doch in Berlin kann sie sich nicht als Journalistin etablieren, sie vereinsamt, beginnt als Kellnerin zu jobben und wird immer frustrierter. Da wirst du dich darauf einstellen müssen, dass dein Debüt als Schlüsselroman der Generation Praktikum verhandelt werden wird, der das Lebensgefühl der Um-die-Dreißigjährigen abbildet.

Friederike Gösweiner: Heutzutage ist es ganz generell schwierig, von einer Generation zu sprechen, weil die Lebenswelten immer unterschiedlicher werden. Man diskutiert dann sehr schnell plakativ und verallgemeinernd. Trotzdem glaube ich, dass mein Thema schon eine gewisse Relevanz für einen Großteil meiner Generation hat.

Hast du bewusst für einen nüchternen Erzählton entschieden, um die eigene Betroffenheit in Schacht zu halten?

Gösweiner: Da merkt man wohl, dass ich aus der Wissenschaft komme: Ich war wissenschaftliche Mitarbeiterin bei einem Forschungsprojekt und habe auch promoviert. Aber auch wenn das unbewusst passiert ist, bin ich im Nachhinein doch sehr froh darüber, da die Geschichte ja schon sehr emotional ist. Und wenn man wieder von einer Generation sprechen will, dann glaube ich auch, dass wir keine besonders pathetische oder selbstmitleidige Generation sind. Alles wird eher nüchtern und sachlich verhandelt – insofern bildet der Ton dann auch ein bisschen Lebenswirklichkeit ab.

Du hast deine Dissertation über „Einsamkeit in der jungen deutschsprachigen Literatur der Gegenwart“ geschrieben. Hat sich daraus der Roman ergeben?

Gösweiner: Während der Diss habe ich gar nicht über die Möglichkeit nachgedacht, selbst ein Buch zu schreiben. Ich wollte Lektorin werden und verdiene mein Geld ja heute auch als freie Lektorin. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich mit der Dissertation nicht das ausdrücken konnte, was ich eigentlich sagen wollte. Doch die Ausgangslage war nicht leicht, denn vermutlich bin ich die literarische Debütantin, die am meisten andere Debüts gelesen hat. Ich musste diese mehr als 150 Bücher vergessen, mich hinsetzen und einfach mal machen. Insofern bin ich auch stolz auf den Einstieg meiner ersten literarischen Publikation: Dann hat es wohl keinen Sinn mehr. Der Satz musste in beruflicher Hinsicht auch für mich stimmen: Lektorat, Wissenschaft – erst in dem Moment, in dem es mir egal war, was aus mir wird, war ich frei im Kopf, um selber zu schreiben.

Findest du es da nicht seltsam, wenn im Hinblick auf Schwierigkeiten bei der Jobfindung immer wieder über die zu vielen Möglichkeiten geklagt wird?

Gösweiner: Natürlich ist es ein Privileg, so viele Möglichkeiten zu haben. Und auch wenn es mittlerweile immer mehr Menschen gibt, die von diesen Möglichkeiten ausgeschlossen sind, ist meine Generation vermutlich so frei wie keine vor ihr. Du kannst alles machen, aber wenn du versuchst, damit Geld zu verdienen, wird es schwierig. Was nützen dir diese Möglichkeiten, wenn du sie nicht in eine sinnvolle Existenz innerhalb der Gesellschaft überführen kannst? Es sind nur theoretische Möglichkeiten, denen die praktische Perspektive fehlt.

Nun könnte man deiner Heldin auch den Vorwurf machen, dass ihr die Leidenschaft fehlt. Vielleicht geht es ihr nur um einen bestimmten Status und gar nicht um Inhalte und das Schreiben an sich.

Gösweiner: Gerade weil es heute so viele Möglichkeiten gibt, ist es umso schwerer, eine Leidenschaft am Brennen zu halten. Hinzu kommt, dass es einen großen Konkurrenzkampf gibt und man sich immer die Frage stellen muss, ob die anderen nicht besser sind. Spätestens nach dem Studium verengt sich die Perspektive: Dann geht es nicht mehr so sehr um die Leidenschaft, sondern eher um die Frage, wie man es schafft, dass jeden Monat genug Geld auf dem Konto ist. Trotzdem erkenne ich an der Entscheidung meiner Heldin, nach Berlin zu gehen, dass sie wirklich Journalistin werden will. Im Prinzip zeigt sie später ja ein bisschen die Symptome einer Langzeitarbeitslosen, wenn sie sehr gelähmt agiert und immer depressiver wird. Es hängt sicher auch mit einem geringer werdenden Wichtignehmen der eigenen Person zusammen, dass sie sich nicht hinsetzt und wenigstens für sich selbst schreibt.

Erfahrungen wie die deiner Protagonistin sind verantwortlich dafür, dass kreative Berufe und auch Journalismus bei den Um-die-Zwanzigjährigen auf der Liste mit den Traumjobs nicht mehr ganz oben stehen, oder?

Gösweiner: Klar, die sind heute wesentlich pragmatischer. Am Institut in Innsbruck habe ich gerade eine Einführung in die Literaturwissenschaft gehalten und da habe ich gemerkt: Wer heute Germanistik studiert, der will nicht mehr sein Diplom und dann irgendwas mit Medien machen, sondern studiert auf Lehramt. Aber gerade, weil es heute kaum mehr möglich ist, davon zu leben, war mir wichtig, dass meine Heldin Journalistin werden wollte. Natürlich kann man ihr den Vorwurf machen, sie sei an ihrer Situation selbst schuld, weil sie unbedingt Journalistin werden wollte. Nur: Was ist das für eine Gesellschaft, die meint, auf guten Journalismus verzichten zu können?

Friederike Gösweiner Traurige Freiheit
Droschl, 2016, 144 S., 18 Euro

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