MUSIK

Gemeinsam einsam

Provinz
Foto: Valentin Ammon

Vincent, gilt der Bandname Provinz eigentlich immer noch, oder lebt ihr längst in der Großstadt?

Vincent Waizenegger: Eigentlich wollten wir umziehen, aber wegen der aktuellen Situation haben wir das verschoben. Wir wohnen jetzt wieder daheim, und das ist auch voll in Ordnung. Ich genieße es gerade, der Sommer macht hier immer Spaß. Deshalb lassen wir es dieses Jahr noch so laufen – dann müssen wir aber auch mal weg.

Ist es vielleicht sogar ganz nett, eine Auszeit einzulegen?

Waizenegger: Ich tu mich immer ein bisschen schwer mit Auszeiten, aber ich versuche gerade, es einfach anzunehmen. Seit dem Abitur haben wir eigentlich nur gehustled und super viel gemacht, deswegen war es zumindest im ersten Monat geil, mal nichts zu machen und nur zu chillen. Jetzt könnte es aber langsam weitergehen.

Wo wärt ihr hingezogen?

Waizenegger: Mir würde Hamburg wohl am besten gefallen. Es ist schöner als Berlin oder München, und ich kenne da mehr Leute.

Ihr wärt nicht alle in derselben Stadt gelandet?

Waizenegger: Doch, das schon. Das macht das ganze auch ein bisschen schwierig, ich kann natürlich nicht einfach allein umziehen. Hier treffen wir uns momentan jeden Tag in einem Probekeller und können gemeinsam Musik machen. Gerade jetzt, wo alles finanziell noch ein bisschen unsicher ist, ist es sehr angenehm, diese Privilegien kostenlos zu genießen.

Ihr kennt euch alle schon seit langer Zeit, richtig?

Waizenegger: Genau. Leon, unser Schlagzeuger, ist in der Oberstufe mein Klassenkamerad geworden. Die anderen Jungs, Robin und Mosse, sind meine Cousins, die kenne ich also schon immer. Wir haben einen entsprechend ehrlichen Umgang miteinander. Das tut oft gut, kann aber manchmal auch ein bisschen hart sein. Doch im Grunde profitieren wir davon sehr, glaube ich.

Provinz: Familiensache?

Kann es auch anstrengend sein, wenn du etwa einen ziemlich persönlichen Text mit Familienmitgliedern teilen musst?

Waizenegger: Eigentlich fällt es mir eher leichter, so etwas erstmal meinen Cousins zu präsentieren. Schwierig ist eher, dass unsere gesamte Familie hier in Vogt lebt und alles mitkriegt: Wenn man Neuigkeiten hat, wissen es immer direkt alle. Das stresst manchmal ein bisschen. Unsere Väter und Mütter sind im Chor und haben selber eine Band, wir sind sehr musikalisch aufgewachsen. Lange Zeit war es eher Pflicht, dass wir ein Instrument spielen, und hat mir deshalb gar keinen Spaß gemacht. Irgendwann habe ich dann gemerkt: Krass, man kann ja auch mega coole Sachen damit machen. Die Verwandschaft war also sehr wichtig für uns alle, auch musikalisch. Aber es hat Nachteile: Ganz viele Tanten denken zum Beispiel, sie müssten mitreden. (lacht) Die geben dann Feedback und sagen immer sehr ehrlich, wenn sie etwas nicht mögen.

Meinst du, auch das Leben in der Provinz an sich war in gewisser Weise ein Vorteil, weil ihr immer etwas hattet, wovon ihr träumen konntet?

Waizenegger: Ich weiß nicht genau. Auf jeden Fall würden wir sicher anders klingen, wenn wir in der Stadt groß geworden wären. Ich hätte ganz andere Sachen, über die ich in meinen Texten reden würde. Die Sehnsucht wäre nicht so groß, und die hört man ja, glaube ich, schon in jedem Text von mir, zusammen mit Melancholie und Träumerei. In der Provinz hat man so fünf, sechs, sieben Freunde, die man fast jeden Tag sieht. Dann fühlt man sich gemeinsam einsam und philosophiert darüber. Man versucht, mit irgendwelchen Dingen den Alltag zu vertreiben, raucht und säuft … Eigentlich war es ziemlich geil, ich würde es nicht vermissen wollen, aber gerade als Teenager sehnt man sich oft nach der Stadt – obwohl es da vielleicht gar nicht besser ist.

Geht es um diese Sehnsucht auch bei dem „Amerika“ in eurem Albumtitel?

Waizenegger: Wir haben lange überlegt, wie wir das Album nennen sollen. Das Wort „Amerika“ hat so ein Grundgefühl: Es ist eine Illusion, die gar nicht wirklich existiert. Jeder hat irgendwie sein Amerika, das er mal erreichen will, seinen großen Traum. Wir haben davon geträumt, ein Album zu machen – deshalb „Wir bauten uns Amerika“. Im Westen ist natürlich alles – Infrastruktur, Kultur und Lifestyle – sehr amerikanisch geprägt, und deshalb hat mich dieses Land schon immer fasziniert. Zusätzlich heißt ja der letzte Song des Albums „Ich baute dir Amerika“. In dem Fall steht die Metapher zugleich für eine Person, für die ich alles tun würde.

Hat sich dein Gefühl für dieses Wort in den letzten Wochen verändert?

Waizenegger: Ja und Nein. Es hat sich verschoben, aber es ist nicht so, dass ich mich jetzt an dem Titel stören würde. Er hat eher eine besondere Bedeutung bekommen: Was dort gerade passiert, beschäftigt einen schon krass, weil man sich als Deutscher ja tief drinnen immer denkt: Amerika ist cool, New York muss geil sein. Dann sieht man gleichzeitig, wieviele Probleme es immer noch gibt, dass etwa dieser Irre Präsident werden konnte. Das Land steckt schon sehr, sehr tief in der Scheiße. „Ich baute dir Amerika“, finde ich, passt dann irgendwie trotzdem wieder sehr gut, weil Amerika ja eigentlich darauf aufgebaut ist – dieser Philosophie, dass jeder nach Glück streben darf, dass jeder Mensch frei ist. Allein die Illusion ist was Schönes.