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George Pelecanos: Prisoners

George Pelecanos erzählt vom brutalen Leben der Underdogs in Washington, D.C. – und wie Literatur die Gewalt stoppen kann …

Cover Pelecanos

Wird man zu einem besseren Menschen, nur weil man anfängt Bücher zu lesen? Im Gefängnis von Washington, D.C. entdeckt der 24-jährige Michael seine Leselust durch Romane, die ihm im Buchclub der Gefängnisbibliothekarin Anna näher gebracht werden. Sich die Erzählwelten vorzustellen, hilft ihm, die Enge der Zelle zu überwinden und nicht immer an die fünf Jahre zu denken, die er sich als Fluchtwagenfahrer bei einem bewaffneten Raubüberfall eingebrockt hat. Doch Michael kommt schnell wieder aus dem Knast, da der überfallene Dealer überraschend seine Aussage widerruft. So – jetzt keine krummen Dinge mehr! Michael kehrt zu seiner Mutter zurück, beschafft sich einen Aushilfsjob und möchte noch viel mehr literarische Geschichten entdecken. Doch der windige Privatermittler Phil Ornazian hat andere Pläne: Nachdem er den Dealer unter Druck gesetzt hat, damit dieser seine Beschuldigung zurückzieht, fordert Phil von Michael, sich zu revanchieren und fortan für ihn Fluchtautos zu fahren. Ornazian zieht nämlich mit Ex-Cop Thaddeus Ward, regelmäßig Verbrecher ab: Mit Rammbock und Remington-Gewehr überfallen sie Pimps, Kleinganoven und Nazikids. Sie hauen drauf, bis die Kohle auf dem Tisch liegt, oder toasten Vergewaltiger mit Speedload-Tasern. Die wiederbeschaffte Beute teilen sie sich mit den Geschädigten, die ihre Auftraggeber sind. Michael weiß nicht, wie er aus der Nummer rauskommen soll und macht notgedrungen mit. Doch zufällig trifft er die verheiratete Bibliothekarin Anna wieder. Aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Literatur entwickelt sich eine knisternde Freundschaft, die aber keine Zukunft zu haben scheint. Michael, Anna und auch Phil spüren, dass sie den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen dürfen, um mit ihren gefährlichen Spielen aufzuhören. Doch könnte dieser Punkt bereits überschritten sein und ihr Handeln tödliche Folgen haben …

George Pelecanos ist ein Meister von character-driven Plots, bei denen die Handlungen der Personen und ihre Beziehungen zueinander den Lauf der Story bestimmen. Michaels Versuch, sein Leben umzukrempeln, droht an seiner Zerrissenheit zu scheitern. Anna träumt von einem Ausbruch aus ihrer Ehe. Und Phil betrügt sich selbst, da er sein brutales Handeln fadenscheinig legitimiert. Die Frage nach Recht und Moral muss jeder für sich beantworten: Ändert man sich, um zu überleben, oder stirbt man bei dem Versuch? Pelecanos‘ eleganter Roman ist eine Liebeserklärung an das Scheitern, getragen von lebensnahen Dialogen, vielschichtigen Protagonisten und wohldosierter Action. Wenn Bücher dabei helfen, zu einem anständigen Menschen zu werden – welche sollte man denn da nun am besten lesen? Pelecanos beantwortet die Frage mit einem Augenzwinkern: Annas Lesetipps sind größtenteils Kriminalromane … nh

George Pelecanos Prisoners

ars vivendi, 2019, 220 S., 18 Euro

Aus d. Engl. v. Karen Witthuhn

 

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