Zum Inhalt springen

Glass Animals: How to be a Human Being

Mit ihrer zweiten Platte bleiben die Glass Animals dem bewährten Mix aus Indie, HipHop-Beats und R’n’B treu – nur sind die vier schüchternen Jungs aus Oxford jetzt deutlich extrovertierter.

Wer mit den Glass Animals spricht, läuft nicht nur Gefahr, in einem ihrer Songs aufzutauchen. Man bekommt auch die Abgründe von Sänger Dave Bayley angedichtet.

Dave, musikalisch seid ihr auf der zweiten Platte eurem Mix aus Indie, HipHop-Beats und R’n’B treu geblieben. Nur sind die vier schüchternen Jungs aus Oxford in den vergangenen zwei Jahren sehr viel extrovertierter geworden.
Dave Bayley: Klar, bei „Zaba“ waren wir komplett unerfahren und konnten nicht mal unsere Instrumente richtig spielen. Auch bei Konzerten sind wir anfangs total verkrampft. Den Umschwung brachte erst ein Showcase beim SXSW in Austin, wo von vornherein klar war, dass der Auftritt nicht zu retten ist: Der Sound war unterirdisch, und wir konnten uns selbst kaum hören. Um das auszugleichen, haben wir performt wie nie zuvor. Wir hatten Spaß und es war egal, wie viele Fehler wir gemacht haben: Die Energie ist aufs Publikum übergesprungen. Als dann die Hallen nach und nach größer wurden, mussten wir unseren Sound verändern, und das neue Selbstbewusstsein hat jetzt auch die neue Platte geprägt: ein mächtiges Schlagzeug, mehr Bässe, das Tempo rauf, mehr Mut und mehr Fokus auf die Tanzbarkeit.
Statt wie für „Zaba“ Field Recordings anzufertigen, hast du für das neue Album jetzt Gespräche aufgezeichnet.
Bayley: Das war die konzeptuelle Grundidee von „How to be an human Being“. Mir ist aufgefallen, dass ich auf Tour ständig die haarsträubendsten Geschichten höre. Die Leute vertrauen sich mir an und offenbaren ihre intimsten Gedanken und Abgründe: auf Partys, im Taxi, im Café. Während ich die Gespräche anfangs ohne Hintergedanken aufgezeichnet habe, wurde mir schnell klar, dass in diesen Bändern der Kern für unser zweites Album liegt.
Du hast die Gespräche heimlich aufgenommen?
Bayley: Ein paar Mal habe ich gefragt, aber nachdem einige nicht wollten, habe ich es wieder heimlich getan. Es ging sogar so weit, dass ich im Bus manchmal hinter zwei Personen gesessen und ihre Unterhaltung aufgezeichnet habe. Mein schlechtes Gewissen hält sich aber in Grenzen: Es war ja klar, dass ich das nicht eins zu eins verwenden will. Jeder Song ist ein Psychogramm, das sich aus vielen unterschiedlichen Gesprächspartnern speist.
Wussten die meisten denn wenigstens, dass sie dem Sänger der Glass Animals ihr Herz ausschütten?
Bayley: Zum Glück nicht, denn das hätte sicher einiges verfälscht. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber vielleicht kann ich gut zuhören und strahle etwas aus, was zum Reden ermuntert. Wenn man einem Fremden intime Dinge anvertraut, ist ja das Wissen entscheidend, dass es keine Konsequenzen hat. Weil du weißt, dass du eine Person vermutlich nie wiedersehen wirst, erzählst du Dinge, die du deinen besten Freunden verheimlichst. Oft gibt es gar keine andere Möglichkeit, um diese Geschichten loszuwerden.
Hast du die neuen Songs auch genutzt, um eigene Geständnisse einzuarbeiten?
Bayley: Natürlich stecken in der Platte extrem viele private Dinge – nur werde ich dir auf keinen Fall verraten, welche das sind. Das ist ja der große Vorteil von diesem Ansatz: dass ich mich hinter den Geschichten der anderen verstecken kann. Tatsächlich bin ich ja noch immer sehr schüchtern und möchte mich nicht derart offenbaren.
Fühlt es sich denn gut an, dass du unter diesem Deckmantel deine eigenen Dinge loswerden konntest?
Bayley: Ehrlich gesagt bin ich mir da noch nicht so sicher. Das erste Album war extrem abstrakt, und auch heute weiß ich noch ganz genau, dass nie jemand erfahren wird, worum es eigentlich geht. Jetzt hat sich der persönliche Anteil extrem erhöht, und obwohl die Tarnung perfekt ist, fühlt sie sich doch brüchiger an. Bei einigen Songs habe ich regelrecht Angst davor, sie live zu spielen.
Häufig geht es in den Texten um einen Abgleich zwischen den Erwartungen, die man mal an das eigene Leben gestellt hatte und dem tatsächlichen Verlauf der Biografie.
Bayley: Stimmt, aber das ist mir auch erst aufgefallen, nachdem ein Großteil der Songs bereits fertig war und ich mir einen Überblick verschaffen konnte. Es war nicht mein Ansatz, diesen Gegensatz herauszustellen.
Hat dich im Nachhinein erschreckt, wie düster all diese Geschichten im Kern sind?
Bayley: Das war der Grund, warum ich im Nachhinein viele der Texte überarbeitet habe. Ich wollte sie entschärfen und der tatsächlichen Gesprächssituation anpassen. Wenn es ans Eingemachte geht, versucht man Theatralik ja in der Regel zu vermeiden, und wirklich schwerwiegende Dinge erzählt man mit einem Lächeln auf den Lippen. Oft arbeitet man sogar mit schwarzem Humor gegen die Offenbarung an.
Gibt es Geschichten, von denen du dir wünschst, du hättest sie nie gehört?
Bayley: Viele waren so spooky, dass sie mich bis heute verfolgen. Ein Typ hat mir etwa von seinem ersten Date mit einer neuen Freundin erzählt. Irgendwann in den 70ern sind sie zusammen mit seinem besten Freund und dessen Freundin in New York ausgegangen. Am Ende sind die vier knutschend im Auto gelandet: Der beste Freund und sein Mädchen vorn, er mit seiner neuen Freundin auf dem Rücksitz. Da hat sich ein Typ dem Auto genähert, das Pärchen vorne erschossen – und als er seine Waffe auf die neue Freundin gerichtet hat, klickte es nur, weil keine Kugel mehr im Lauf war.
Das hast du ihm geglaubt? Klingt eher so, als hätte er gerade „Summer of Sam“ von Spike Lee oder einen anderen Film über einen Serienmörder gesehen.
Bayley: Natürlich habe ich auch gezweifelt und ähnliche Einwände gebracht – aber du hättest sehen sollen, mit welcher Überzeugung dieser Typ seine Geschichte erzählt hat. Wenn die ausgedacht war, hat er sich bis ins kleinste Detail überlegt, wie er sie glaubhaft vertreten kann. Da ist es doch fast noch unheimlicher, wenn das alles nur ausgedacht war: Warum nur, war er so fasziniert davon, sich mit dieser Figur zu identifizieren, der das zugestoßen ist?

Interview: Carsten Schrader

How to be a Human Being ist gerade erschienen.

Foto: Liam Cushing

LIVE
5. 11. Hamburg
7. 11. Berlin

Daddy was dumb, said that I’d be something special
Brought me up tough but I was a gentle human
Said that he loved each of my two million freckles
When I grew up, was gonna be a superstar

I can’t get a job so I live with my mom
I take her money but not quite enough
I sit in the car and I listen to static
She said I look fat but I look fantastic

Come back down to my knees
Gotta get back, gotta get free
Come back down to my knees
Be like them, lean back and breathe
Come back down to my knees
Gotta get back, gotta get free
Come back down to my knees
Be like them, lean back and breathe

I’m waking up, lost in boxes outside Tesco
Look like a bum sipping codeine Coca-Cola
Thought that I was northern Camden’s own Flash Gordon
Sonic raygun, gonna be a superstar
(„Life itself“)