MUSIK

Grimes: Miss Anthropocene

Grimes: Miss Anthropocene Album Cover
Grimes: Miss Anthropocene Album CoverFoto: 4AD

Der vielleicht interessanteste Moment des neuen Grimes-Albums kommt bereits zu Beginn des dritten Songs. Bis dahin haben wir schon den schleppenden Opener „So heavy I fell through the Earth“ hinter uns sowie den technoiden Banger „Darkseid“, in dem sich eine japanisch sprechende, hochgepitchte Stimme zunehmend überschlägt. Und dann: eine Akustikgitarre – die plötzlich klingt wie das fremdartigste Instrument der Welt. Der dazugehörige Song „Delete forever“, eine fast Taylor-Swift-eske Countrypop-Ballade, ist eigentlich kaum der Rede wert. Doch im Kontext dieser Platte sorgt er für den größten Irritationseffekt. „Miss Anthropocene“ führt die mit „Art Angels“ begonnene Transformation von Claire Boucher zum Cyber-Pop-Wesen weiter, das so schwer zu greifen ist wie ihre Ideologie.

Zwischen Optimierungssucht und affirmativem Posthumanismus

Boucher steht irgendwo zwischen optimierungssüchtigem Silicon-Valley-Mindset (ihre Beziehung zu Elon Musk muss hier der Vollständigkeit halber zumindest erwähnt werden), fatalistisch-pragmatischem Hedonismus („I want to make climate change fun!“) und affirmativem Posthumanismus. Künstliche Intelligenzen würden den Menschen in der Kunst ersetzen, und Livemusik sei bald obsolet, weshalb sie plane, sich auf der Bühne fortan durch ein Hologramm ersetzen zu lassen. Und ohnehin bevorzuge sie die digitale Welt, die Natur habe es schließlich schon immer gegeben. Dass die Musikerin auf „Miss Anthropocene“ schon jetzt wie ihr eigener Cyborg klingt, das kann man zunächst erst mal feststellen, ohne direkt in technoskeptischen Alarmismus zu verfallen: Schließlich sind einige der Ergebnisse reizvoll, wie der druckvoll aufgebaute Dancepop von „Violence“ oder „4Æm“, ein eigenartiger Song, der sich von Global Beat über Hans-Zimmer-Bombast bis hin zu Drum’n’Bass vorarbeitet.

Grimes proklamiert das Ende der human Art: überraschend langweilig

In den meisten Fällen aber ist ihr fünftes Album erstaunlich langweilig – und das ist abseits weltanschaulicher Bedenken sicher das Schlimmere, was man über das neue Werk einer Pop-Visionärin vom Schlage Grimes’ sagen kann. Die Soundästhetik ist durchweg verwaschen und zugestellt mit Hall, Songs wie „Before the Fever“ oder der grundlos überlange Closer „IDORU“ mäandern so unausgegoren wie unbeweglich vor sich hin. Das von Grimes proklamierte Ende der human Art: Man hatte es sich zumindest aufregender vorgestellt. msb

Miss Anthropocene erscheint am 21. Februar via 4AD.

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