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Hamed Eshrat: Venustransit

Dass Berlin die Stadt sei, in der man nicht erwachsen werden muss, das stimmt schon seit einigen Jahren nicht mehr. Nur gibt es immer noch ausreichend Berliner, die sich auf nicht unsympathische Weise weigern, diese Veränderung zu akzeptieren. Bei denen sorgt dann der Widerspruch zwischen Selbstwahrnehmung und Realität für Phantomschmerzen, die für die Beteiligten schlimm sind, aber immerhin Geschichten hergeben. Zeichner Ben etwa: Der lebt mit Freundin Julia in den Tag hinein, steckt aber gleichzeitig in einem öden Bürojob fest, was sich im Laufe der Zeit zu einer handfesten Depression auswächst. Was Julia nicht lange mitmacht … Hamed Eshrat hat mit der Graphic Novel „Venustransit“ eine im Grunde unspektakuläre Geschichte von Trennung, Selbstfindung und Neuverlieben geschrieben, brav chronologisch, ohne große Distanz zu seinen Protagonisten, und vor allem zu Beginn in einem zwar beiläufigen, aber immer realistischen Zeichenstil. Dann aber reist Ben nach Indien, und Eshrat schmeißt alles um, was „Venustransit“ bislang war: Der Comic wird zum Reisetagebuch, das sich weder um Format noch um Erzählstruktur oder Entzifferbarkeit kümmert. Großartig, wie diese Sprengung der Graphic-Novel-Konvention inhaltlich hergeleitet ist, großartig auch, wie Eshrat seine Erzählung später, mit Bens Rückkehr nach Berlin, wieder einfängt. Es ist nämlich wichtig, dass die Geschichte erkennbar bleibt – als Porträt nicht nur einer Stimmung, sondern als Porträt einer ganz bestimmten Gesellschaft. Einer Stadtgesellschaft, die sich unmerklich verändert, und die sich mit dieser Veränderung schwer tut. Dass Eshrat dieses Schwertun an keiner Stelle denunziert, im Gegenteil immer voller Sympathie ganz nah an seinen Figuren bleibt, die sich mit großen Augen vom Drogenrausch über Touristenbespaßung zur Karrierepflicht schleppen, sorgt für eine Geschichte, die ein Berlin zeigt, wie es eigentlich niemandem gefallen kann. Aber dass einem Ben, Julia und ihre Freunde gefallen, das lässt sich dieser überaus talentierte Zeichner nicht nehmen.

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