„Hamnet“ im Kino: Shakespeare und der Trost der Kunst
Mit Paul Mescal und Jessie Buckley: Chloé Zaos Literaturverfilmung „Hamnet“ kommt jetzt bei uns in die Kinos.
Sein oder Nichtsein: Die oscargekrönte Regisseurin Chloé Zao hat mit „Hamnet“ einen bewegenden Film über Liebe, Trauer und die heilende Wirkung der Kunst gedreht. Die Literaturverfilmung läuft jetzt im Kino
Sie mache Filme, in denen die Figuren stets einen großen, schmerzlichen Verlust erfahren haben, sagt die 43-jährige, in den USA lebende chinesische Filmemacherin Chloé Zao. Und das stimmt: „Songs my Brothers taught me“ handelt von einem Lakota Sioux, dessen Vater bei einem Brand starb; „The Rider“, in dem Zao ebenfalls mit Laiendarstellern arbeitete, erzählt von einem jungen Mann, der nach einem Unfall seinen einzigen Lebensinhalt nicht mehr ausführen kann: das Rodeoreiten. Und in „Nomadland“, für den Hauptdarstellerin Frances McDormand und Zao selber einen Oscar verliehen bekamen, verliert eine Frau ihren Mann und ihre Lebensgrundlage und wird zur modernen Nomadin im Westen der USA.
Und nun „Hamnet“, nach dem gleichnamigen Roman der nordirischen Schriftstellerin Maggie O’Farrell von 2020. Die auf wenigen historischen Fakten begründete, ansonsten fiktive Geschichte des jungen William Shakespeare (Paul Mescal, „All of us Strangers“, „Gladiator 2“) und seiner großen Liebe Agnes (Jessie Buckley, „Men – Was dich sucht, wird dich finden“) – und wie sie Williams Karriere im fernen London und den Pesttod ihres Sohnes Hamnet verarbeiten. Der Dichter verarbeitet dieses Trauma – Roman und Film nach – in einem seiner größten Werke, der Tragödie um den Dänenprinz Hamlet. Agnes, die naturnahe Mystikerin, bleibt zuerst alleine mit ihr Trauer, und findet am Ende doch auch ihre Katharsis.

„Hamet“: Wildfang findet Nichtsnutz
Beide sind sie Außenseiter in ihren Familien, im ländlichen Stratford-upon-Avon in der englischen Grafschaft Warwickshire. Agnes, auf die der Fokus des Film liegt, ist Falknerin; sie streicht die meiste Zeit durch die Wälder und wird später auch ihr erstes Kind mit William alleine unter einem großen Baum zur Welt bringen. In der streng normierten Gesellschaft Ende des 16. Jahrhunderts? ein schlimmer Wildfang! Der junge Shakespeare leidet unter den Fesseln, die sein Vater ihm auferlegt – Lederhandschuhe soll er nähen, Verse dichten will er! In der streng normierten Gesellschaft Ende des 16. Jahrhunderts? Ein rechter Nichtsnutz! Fast erleichtert sind beide Familien, als die beiden Freaks herausfinden, dass sie füreinander gemacht sind. Doch Agnes spürt bald nach der Hochzeit: William muss nach London und dort den literarischen Aufstieg versuchen, er wird verrückt in der Enge der Kleinstadt, Agnes aber kann die geliebte Natur nicht aufgeben. Drei Kinder, Susanna, Judith und Hamnet, und seine Frau lässt der zukünftige Weltdramatiker zurück, kehrt nur ab und an für wenige Tage wieder.
„Hamnet“: Die Tragödie über die Tragödie
Das kann die Liebe zwischen Agnes und William noch schultern – doch als die Pest nach Stratford-upon-Avon kommt und sich Hamnet holt, macht Agnes ihrem Mann Vorwürfe für seine Abwesenheit, und der zieht sich wieder nach London zurück – um zu trauern und um die Arbeit an einem neuen Stück zu beginnen: „Hamlet“, dessen Premiere Agnes schließlich skeptisch und ablehnend besucht – und in dem sie doch genau wie William einen Weg findet, die Trauer über den Tod von Hamnet zu überwinden …
„Hamnet“, gerade mit dem Golden Globe als Bestes Drama ausgezeichnet, ist Jessie Buckleys Film. Die Irin, die für ihre Leistung ebenfalls einen Golden Globe erhielt, spielt sich als selbstermächtigte Frau vor ihrer Zeit und Naturereignis von einer Mutter die Seele aus dem Leib; sie flüstert, sie schreit, sie weint, sie wischt sich den Rotz ab und macht weiter, immer weiter – da wird sogar Williams strenge Mutter zu ihrer Verbündeten. Und ähnlich wie Joachim Triers Film „Sentimental Value“ erzählt Chloé Zao davon, was die Hingebung zur Kunst für große Opfer von der Familie eines Künstlers fordert – und wieso in der Kunst doch die große Möglichkeit des Trostes liegt.