MUSIK

Nicht ohne meine Harfe

Hans Unstern Porträt mit Harfe
Hans UnsternFoto: Tanno Pippi

Hans, als du vor sieben Jahren dein letztes Album „The Great Hans Unstern Swindle“ veröffentlicht hast, warst du nicht zu Interviews bereit und hast das auch sehr einleuchtend damit begründet, dass du die Vorstellung von Autorschaft, wie sie im Musikjournalismus konstruiert wird, nicht teilst. Warum setzt du dich dieser Situation jetzt aus?

Hans Unstern: Ich glaube, es hat mit der Harfe zu tun. Mit der Harfe an meiner Seite kann ich anfangen, das Scheinwerferlicht zu genießen und traue mich jetzt sogar auf die Interview-Bühnen. Jetzt kann ich selbst das Singer-Songwriter-Püppchen spielen, das mit der Presse kommuniziert. Die Verweigerung und das Verstecken waren auch ganz schön anstrengend. Ständig neue Verstecke suchen. Einen Song wie „Ich schäme mich“ zu singen, war auch eine Art des Sich-Versteckens an der Gitarre. Mit Harfe und High Heels fühle ich mich im Rampenlicht sauwohl. Wenn ich an der Harfe sitze und spiele, fühlt sich das an, als umarmten wir uns. Sie ist eine super Komplizin.

Gemeinsam mit Simon Bauer hast du eine spezielle, elektro-akustische Harfe konstruiert, die du in Anlehnung an den Albumtitel „Diven“ als V- Harfe bezeichnest. Aber ist der Begriff „Diva“ nicht schwierig, weil insbesondere bei der geschlechtsneutralen Verwendung des Begriffs immer auch eine abwertende Einfärbung verbunden ist, die Launenhaftigkeit und Selbstverliebtheit suggeriert?

Unstern: Ich empfinde Plural immer als Aufwertung. Vielzahl beschwören, Identitäten dehnen. Ich brauche Selbstauslöser*innen, um ein Selbst zu konstruieren und um es zu dekonstruieren. Hans Unstern puzzelt sich zusammen. Wie du sagst, ist „Diven“ ein Wort, das Aufwertung vertragen kann, und ich finde, das Album kann das.

Schon zum letzten Album habt ihr Harfen gebaut. Du hast dann aber gemerkt, dass du diese Beziehung vertiefen willst?

Unstern: Genau, das hat 2012 während der Produktion des zweiten Albums angefangen. Schon damals wollte ich bei bestimmten Songs am liebsten nur Harfe spielen. Simon Bauer und ich haben in dieser Zeit angefangen, die ersten experimentellen Harfen zu bauen. Über die „Swindle“-Tour und die ersten Harfen kam dann die Idee, eine neue Generation von Harfen zu bauen, um exklusiv mit ihnen ein Album zu machen. Das Neue an dem „Diven“-Album ist ja, dass es nur mit den Harfen aufgenommen wurde. Früher hatten wir eine Vielzahl präparierter Instrumente im Studio.

Die Grandbrothers haben vor ein paar Jahren ein Klavier mit elektromechanischen Hämmern präpariert. Standen sie Pate, und ihr habt die Idee auf die Harfe transformiert?

Unstern: Am Anfang stand der Wunsch, dass Hans Unstern an der Harfe das neue Album spielt. Durch die Kompositionen als Antwort auf die Texte wurde aber schnell klar, dass es sehr viele verschiedene und vielschichtige Sounds braucht für „Diven“. Instrumente zu präparieren ist eine Technik, die besonders in der Neuen Musik schon seit der Mitte des 20. Jahrhunderts genutzt wurde. Simon hat sich besonders der Automatisierung der Harfe gewidmet und das vorangetrieben. Anfangs haben wir nur eine Handvoll Hubmagnete an einzelne Saiten der Metallsektion der Harfe gestellt – das hat sich dann bald zu einer aufwändigen Mechanisierung hochgeschraubt. Dieser Bauprozess und das Harfenspielen lernen haben Jahre gedauert. Dem Bauen haben wir uns nur hingegeben, weil wir die Vision einer spezifischen Musik hatten – nicht um des Bauens willen.

Seid ihr in all den Jahren nicht mal ins Zweifeln gekommen, ob ihr euch mit dem großen Projekt nicht übernommen habt?

Unstern: Oh ja, es gab viele Momente des Zweifelns und Phasen, in denen die Anstrengung übermächtig erschien. Simons Ruhe und pragmatisches Weitermachen waren da oft heilsam für mich. Die Texte und die Kompositionen gibt es schon seit 2016, sie warten seither auf die Umsetzung mit den Harfen. Ich bin froh, dass ich mich jetzt noch immer darauf freue, diese Stücke zu zeigen und zu erzählen.

Haben die Sounds, die ihr da aus der Harfe geholt habt, deine Texte nicht mehr verändert?

Unstern: Es gab eine Wechselwirkung im Hinblick auf Arrangements und Produktion, aber die Texte und auch die meisten Grundkompositionen waren schon abgeschlossen. Bei den Arrangements haben wir viel experimentiert und neue Klänge gefunden.

Gab es da auch einen Kontrollverlust? Ist aus den Soundkonstruktionen etwas Unerwartetes entstanden ist, das ihr nicht einkalkuliert hattet?

Unstern: Als die V-Harfe durch die Automatisierung zu dieser Maschine wurde, wollten wir ihr möglichst viel Autonomie geben. Sie ist nicht nur Klangerzeugerin, sondern sie gibt uns auch Arbeitsanweisungen zurück. Wir bedienen die Maschine, aber wenn sie einmal in Gang gesetzt ist, werden wir auch zu Fließbandarbeiter*innen in ihrem Produktionsband.

Erklärt das auch, warum im Stück „Selbstauslöserin“ plötzlich so ein gewaltiger Sound auftaucht?

Unstern: Das ist unser Dickenhobel. Dieser Sound ist uns sehr vertraut. Den hören wir in unserer Werkstatt, wenn wir Hölzer für unsere Harfen auf die richtige Dicke hobeln. Die Idee, die Musik, die der Hobel macht zu verwenden, entstand in der Werkstattreihe, die wir 2016 und 2017 im HAU 3 gezeigt haben. Wir transformierten die Grundkomposition des Stücks „Selbstauslöserin“ so, dass sie zum Ton des Motors des Dickenhobels passt. Es gibt der Komposition ein auflösendes Moment.

Eine Sonderstellung nimmt das Stück „Keine Zeit“ ein, bei dem du deine Stimme verfremdest.

Unstern: Bei dem Song haben wir mit Aleatorik, einem Zufallsprinzip, gearbeitet, indem wir uns vom Computer haben überraschen lassen, welches Muster als nächstes kommt. Wir fanden es dann konsequent, dass der Rechner – die Maschine – sich auch noch die Stimme greift. Wenn schon, denn schon. Der Vocoder fächert sowohl die Stimme als auch die akustische Harfe in verschiedenen Intervallen auf.

Es ist ästhetisch schön, aber ist es zugleich auch ein Statement gegen die Authentizitätsfixierung? Geht es um Stimme als Uneindeutigkeit?

Unstern: Nein. „Keine Zeit“ will eigentlich gar nichts.

Mit dem Song „Bonbon aus Plastik“ beziehst du dich auf die Sexualmetaphorik des alten Helge-Schneider-Stücks „Bombon aus Wurst“.

Unstern: „Bonbon aus Plastik“ ist die kontrasexuelle Antwort auf Helge Schneiders Song. Wenn man mich auf Helge Schneider anspricht, stelle ich mir gerne vor, wie Eddie Izzard die Frage beantwortet. Eddie ist erst mal genervt, dass sowas gefragt wird und redet sich dann in Rage …

„Zumutung, schrecklich, ich habe überhaupt keine Lust, meine Texte zu erklären. Was soll uns das sagen? Können Sie das nicht fühlen? Es ist doch klar, dass ich „Bonbons aus Plastik“ geschrieben habe, damit mich jemand fragt, was ich damit sagen will. Und ich will damit sagen, dass ich mir guten Sex wünsche, für alle – und vor allem für mich. Und weil ich glaube, dass Menschen, die meine Musik hören, potenziell auch Lust hätten, mit mir eine Liaison einzugehen, will ich damit nicht nur höflich und nachdrücklich um guten Sex bitten, sondern auch schon mal erklären, was ich darunter verstehe. Damit die sich dann entsprechend vorbereiten können und alle ihre Toys mitbringen. In der aktuellen Krise schnellt der Verkauf von Sextoys durch die Decke, und darüber freue ich mich als Kontrasexualist*in. Nachher werden wir alle über mehr Mittel zu gutem Sex verfügen. Was ist guter Sex? Seine Güte besteht in der absoluten Vielfältigkeit der Handlungsoptionen und der absoluten Abwesenheit von unausgesprochenen Plot- und/oder Genital-Erwartungen. Da gibt es viel zu lernen und vieles zu entlernen. Ich möchte wissen, was sich mein Gegenüber wünscht, und schauen, ob mich das anmacht, und ob ich da mitmachen will. Und umgekehrt. Ich möchte fliegen, mich kringeln, ich möchte ausrasten, alles ist erregbar, alles ist hübsch. Jeder Teil jedes Körpers, und erst recht deren Erweiterungen, kann mit jedem Teil anderer Körper, und erst recht deren Erweiterungen, fröhliche Allianzen eingehen, sich gegenseitig aufladen, einladen, entladen. Weißt du, es gibt keinen Körper, der nicht eine einzige erogene Zone ist. Es gibt keinen Körper, der nicht perfectly equipped für amazing Sex wäre. Mein Sex beruht auf der Erkenntnis, wie atemberaubend erregbar und erregend Körper sind. Sogar die Toys sind erregbar. Als freie radikale Agentinnen. Haltloses, nimmer endendes Tierspiel, Plastik-Hautspiel. Alles ist möglich. Vor allem, wenn wir jenseits der Traditionen stehen. Und mit diesem Lied trete ich aus allen Sextraditionen aus. Ich trete ins Offene. Der Schlüssel sind Toys, Erweiterungen, Prothesen und Antithesen, Üppigkeiten, Flüsse aus Eisigem und Flüsse aus Magma-Begehren. Verschwommene Körpergrenzen. Jeder Körper ist ideal geeignet, jede Kombination. Ultimatives Spielen. Glück.

Okay. Jetzt kommt eine Frage, bei der ich mir auch nicht sicher bin, ob Hans Unstern darauf antworten wird: Ist es zulässig, kontraproduktiv oder gar diskriminierend, wenn man von „queer Art“ spricht?

Unstern: Im Privaten und auch in Communitys sind solche Begriffe ja sehr hilfreich und identitätsstiftend. Das Reclaimen solcher Worte kann empowernd sein und Spaß machen. Bei der Öffentlichkeitsarbeit für Kunst zum Beispiel kann das schnell eine sehr kleine Schublade bedeuten, in die bestimmte Leute rein sollen, die da möglicherweise klein gehalten werden. Und erstmal da reingestopft, werden Qualitäten übersehen, die auch jenseits der zugewiesenen Nische bezaubern können. Ich finde den Unterschied wichtig, ob eine Künstlerin ihre Arbeit so beschreibt oder ob in der Rezeption von außen so geredet wird.

Selbstauslöserin, Lachfaltenfederboa, Nichtstestotrotzdem, Büsche der Merksamkeit, Gedankenblitzgeklimper … Man kann schon von der Existenz einer Unstern-Poetologie sprechen, oder?

Unstern: Meine Lieder sind für mich Popsongs. Es gibt fortlaufende Wucherungen einer Klangsprache, bei der ich neben meinen eigenen, auch immer die Fäden anderer Musiker*innen weiterstricke. Ich höre ganz deutlich, wo da Alice Coltrane, Joanna Newsom, Lana Del Rey, Laurie Anderson oder Mykki Blanco mitklingen. Aus diesen Verwachsungen entsteht immer etwas Neues, aber ich sehe diese Bezüge sehr deutlich. Es gibt so viele Ghostwriter*innen, mit denen ich arbeite, dass ich nicht von einer Unstern-Poesie sprechen mag.

 

Interview: Carsten Schrader

Diven von Hans Unstern erscheint bei Staatsakt.

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