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Kamel Daoud – Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung

Ein herrlicher Kunstgriff: Mit „Der Fall Meursault“ reagiert Kamel Daoud auf Camus’ „Der Fremde“.

„Der Araber“, so heißt es mehrfach anonym und funktional in Albert Camus’ „Der Fremde“. Wahrlich, ein Fremder, der mehr nicht ist als eine narrative Stellschraube: namenlos, ohne Biografie, reduziert auf eine Ethnie. Ein nicht haltbarer Zustand – wie Haroun, Bruder des Namenlosen und Erzähler dieser Geschichte, verdeutlicht. Während Camus’ Romanfigur Meursalt aller Welt versichert hat, Harouns Bruder versehentlich erschossen zu haben, ist Haroun von Mord überzeugt. Kamel Daoud ist politischer Kolumnist aus Algerien, und das Raffinierte an seinem verspielten Metaroman ist, dass Harouns aufbrausendes Lamento lediglich zu Beginn dem Ermordeten gewidmet ist; im Verlauf seiner Erzählung verlagert Haroun den Fokus auf sein eigenes Leben und darauf, wie es sich nach dem weltbekannten und dennoch sträflich vernachlässigten Verbrechen verändert hat. Dabei enthüllt er peu à peu immer pikantere Details und skizziert die Biografie eines Mannes, der dem Camus’schen Romanhelden in seiner zwischen Lakonie und Kälte oszillierenden Indifferenz zusehends ähnlicher erscheint. Für Daoud mag Camus existieren – Haroun unterscheidet zwischen dem Autor und seinem Protagonisten nicht: ein herrlicher Kunstgriff.

Kamel Daoud
Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung
Kiepenheuer & Witsch, 2016
208 S., 17,99 Euro