MUSIK

Nicht nur die Liebe zählt!

Katie Melua am Schreibtisch mit Gitarre
Foto: Rosie Mathieson

Katie, von welchem Berg kletterst du in der hübschen orchestralen Ballade „Leaving the Mountain“?

Katie Melua: Von einem der kaukasischen Berge am Schwarzen Meer in Georgien. Ich war mit meinem Papa dort, und eines Abends erzählte er mir, dass unter dem Eis ein ganzer Wald verborgen und begraben liegt. Der Song steht dafür, dass wir nie genug Zeit haben, all die Schönheit dieser Erde zusammen mit unseren Liebsten bewundern zu können.

Was hast du mit deinem Vater in den Bergen gemacht?

Melua: Wir sind Ski gefahren. Mein Vater macht das erst seit fünf Jahren. Zum Üben ist er einmal die Woche um fünf Uhr morgens aufgestanden, um in einer Skihalle im Norden Londons zu trainieren. Voll eisern. Einmal im Jahr fährt er nun in den Skiurlaub, und endlich hatte ich mal die Gelegenheit, ihn zu begleiten.

Konntest du ihm noch was beibringen?

Melua: Oh nein, ich fahre viel schlechter als er. Mein Vater hat mittlerweile sogar eine Skilehrerlizenz. Wir Meluas gehen die Dinge entweder ganz oder gar nicht an. (lacht)

Demnach hast auch du dich für „Album No. 8“ wieder ganz schön gequält?

Melua: Leicht gemacht habe ich es mir jedenfalls nicht. Es hat schon seinen Grund, warum ich sieben Jahre gebraucht habe, um wieder ein Album mit komplett neuen Liedern zu veröffentlichen. Musikalisch ist es keine radikale Neubestimmung, ich nehme Elemente aus Jazz und Blues, dicke sie mit orchestralen, klassischen Zutaten an und sehe zu, dass am Ende so etwas wie Popmusik dabei herauskommt. Bei der Umsetzung meiner Ideen war der Produzent Leo Abrahams bei diesem Album eine große Stütze für mich. Ganz besonders wichtig war mir der lyrische Inhalt der Songs: Ich wollte mit meinem Gesang eine Welt aus Worten bauen, in der man sich beim Hören nicht nur gerne aufhält, sondern die man richtig auskundschaften will.

Du hast sogar einen Kurs für Kurzbelletristik an einer Londoner Privat-Uni absolviert. Aus persönlicher Neugier oder mit Blick auf deine Songtexte?

Melua: Sowohl als auch. Ich liebe es ganz grundsätzlich, Neues zu lernen. Bildung fand ich schon immer toll, und die Worte sind für mich nun einmal ein ganz wichtiger Teil der Popmusik. Ich wollte meine Fähigkeiten einfach verbessern, und so habe ich einige Monate lang jeden Tag an einem Tisch mit zehn anderen Studierenden gesessen, um mit ihnen über Poesie zu diskutieren. Es war wundervoll.

„Album No. 8“ ist ein verblüffend schlichter Albumtitel. Warum so bescheiden?

Melua: Der sollte eigentlich gar nicht bescheiden sein. (lacht) Im Gegenteil: Ich wollte einen Namen für die Platte, der verdeutlicht, wieviel Geschichte als Sängerin und Künstlerin bereits hinter mir liegt. Ich habe acht Alben gemacht, das erste 2003, als ich noch ein Teenager gewesen bin. Das ist doch wirklich verrückt. Ich staune jedenfalls kolossal über meine Karriere. Zugleich frage ich mich oft: Wie lange geht das wohl noch weiter?

Woher kommen diese Zweifel?

Melua: Ich weiß auch nicht. Oft bin ich hin- und hergerissen zwischen der Liebe und Treue meines Publikums auf der einen und meinem eigenen Anspruch auf der anderen Seite. Ich denke, um als Musikerin im nicht mehr jungen Alter weiter zu machen, brauche ich einen guten Grund. Ich neige dazu, meine Karriere vor mir selbst zu rechtfertigen. Deswegen habe ich es mir mit den neuen Songs auch extra schwer gemacht. Ich fordere von mir selbst jedes Mal, dass die Qualität so hoch ist, wie sie nur sein kann.

In „A Love like that“ sprichst du über die scheinbare Unmöglichkeit, eine Liebesbeziehung auf Dauer durchzuhalten. Wie sehr spielen deine eigenen Lebenserfahrungen in diesen Text hinein?

Melua: Naja, ich war in einer sehr leidenschaftlichen Beziehung und musste erkennen, dass diese Leidenschaft mit der Zeit verblasst ist. Über meine persönlichen Erlebnisse hinaus mag ich es, mit dem Mythos zu brechen, dass die Liebe immer das Größte und das Einmaligste überhaupt sein muss. Mit meinen unschuldigen Liebesliedern wie „Closest Thing to crazy“ bin ich an dieser Sichtweise ja nicht ganz unschuldig.

Du hast dich also von deinem Ehemann, dem Ex-Motorradrennfahrer James Toseland, getrennt?

Melua: Ja. Wir waren sieben Jahre lang verheiratet und sind seit einem Jahr geschieden. Ich bereue nichts: Unsere Ehe war schön, und selbst unsere Trennung war irgendwie glücklich. Naja, zumindest war sie nicht bitter, sondern freundschaftlich. Mir war wichtig, kein Herzschmerzalbum zu machen, sondern ehrlich darüber zu erzählen, wie es mir geht.

Auch in „Airtime“ beklagst du dich darüber, dass du das Konstrukt der glücklichen Liebesbeziehung für überzogen hältst.

Melua: Speziell die Kunst bombardiert dich von klein auf mit ihrer Liebespropaganda. „Romeo & Julia“, „Titanic“, immer ist da dieses Mantra: Ich werde dich lieben, bis ich sterbe. Für mich ist das ein Zerrbild, ein Märchen. Als wir uns getrennt haben, waren meine Freundinnen und Freunde total besorgt um mich. Sie haben erwartet, dass ich ein trauriges, schniefendes Bündel bin, weil das eben dem gängigen Liebeskummerbild entspricht. Aber tatsächlich ging es mir total gut. Ich war glücklich verheiratet, und jetzt bin ich glücklich geschieden.

In „Remind me to forget“ singst du allerdings davon, wie du in die Natur gehst, um dir den Liebeskummer zu vertreiben.

Melua: Das Draußensein hilft mir schon mein gesamtes Leben lang, mit Problemen und Nöten besser zurechtzukommen. Ein Spaziergang hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Jeder Schmerz wird gelindert durch die Natur. Wir können so viel von ihr lernen.

Was zum Beispiel?

Melua: Dahlien sehen zehn Monate des Jahres aus wie hässliche, zerknautschte Nasen. Trotzdem pflegst du sie, damit sie im September und Oktober in prachtvoller, wunderschöner Blüte stehen. Damit will ich sagen: Das Leben kann knifflig sein, aber es werden tolle Dinge passieren, für die es sich lohnt, durchzuhalten.