Zum Inhalt springen

Kristian Nord: Nah am Wasser

Als erfolgreicher Produzent in L.A. lebt der Hamburger Kristian Nord den American Dream. Doch jetzt gilt es, mit „The Rest is a Gift“ etwas aus der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Portraitfoto Kristian Nord
Foto: Chance Foreman

Kristian Nord, du lebst seit 15 Jahren in den USA und bist als Komponist und Produzent in L.A. wahnsinnig erfolgreich. Wenn du jetzt unter deinem eigenen Namen eine sehr persönliche Platte veröffentlichst, auf der du dich mit dem Tod deines Vaters auseinandersetzt, hat das mit kommerziellen Überlegungen zunächst rein gar nichts zu tun …

Kristian Nord: Mir war nur klar, dass es eine instrumentale Platte werden soll, bei der ich Elektronik und orchestrale Elemente verbinde. Wenn ich normalerweise Musik produziere, weiß ich eigentlich schon recht genau, wo es hingehen soll. Hier habe ich versucht, meinen Kopf auszuschalten und einfach nur meine Gefühle aufzunehmen. Beim Komponieren habe ich nachts vier oder fünf Stunden am Klavier gesessen und sehr viel improvisiert. Am nächsten Tag habe ich das dann durchgehört: Was bleibt hängen? Was emotionalisiert mich noch?

Dein Vater ist vor 30 Jahren im Alter von 42 Jahren gestorben. Jetzt bist du in diesem Alter und stellst dich diesem frühen Verlust. Ging es bei „The Rest is a Gift“ um einen Kampf gegen das Verblassen und den Verlust von Erinnerungen?

Nord: Die Initialzündung für dieses Album war, dass ich vor ein paar Jahren gemerkt habe, dass ich bei bestimmten Punkten in meinem Leben auf Widerstände stoße. Ich wollte etwas dagegen tun und habe mit einem Coach gesprochen. Bereits nach 20 Minuten hat er im ersten Gespräch gesagt: Du musst ein neues Verhältnis zu deinem Vater aufbauen. Für mich kam das total aus dem Off, aber er meinte, wenn man so früh seinen Vater verliert, muss man einerseits zwar sehr schnell erwachsen werden, aber andererseits fehlt eben dieses männliche role model – und in bestimmten Bereichen wächst man dann auch vielleicht gar nicht auf.

War es schwierig, wieder zu den Gefühlen von damals durchzudringen?

Nord: Wir haben ganz viele Übungen und Rituale gehabt, wie man das alles wieder zurückbringt. Am Anfang war das total weit weg von mir – es ist ja jetzt schon 30 Jahre her. Aber innerhalb von ein paar Tagen ist es wieder ganz nah an mich rangekommen, und ich habe die Traurigkeit über seinen Tod ganz intensiv gefühlt. Es war wie eine Zeitmaschine, doch die Musik repräsentiert auch eine neue Beziehung zu meinem Vater. Ich habe ihn als Kind verloren, aber jetzt hat sich meine Perspektive verändert. Ich glaube besser nachvollziehen zu können, wie schlimm das für ihn gewesen sein muss, mit Anfang 40 sicher zu wissen, dass er sterben und seine Familie allein lassen muss. Ich habe nicht nur meine Traurigkeit gefühlt, sondern konnte mich auch in ihn einfühlen.

Hat dieses Album auch den Blick auf die Musikindustrie und deine Arbeit als Produzent verändert?

Nord: Ich habe gemerkt, dass die Intuition das Wichtigste beim Musikmachen ist. Im Kopf kann man ganz viel kreieren, aber wenn man etwas mit Substanz bewirken will, muss man weitergehen. Das habe ich seit dem Album noch mehr auf meine andere Arbeit übertragen. Egal, auch wenn das jetzt Musik für eine große Marke wie Mercedes ist, versuche ich irgendwann, den Kopf auszuschalten und in mich reinzuhorchen. Ich habe das Gefühl, dass das dann in der Tat mehr Tiefe hat. Und das wird dann auch gefühlt – generell vom Hörenden und eben auch vom Kunden oder der Agentur.


Wer ist Kristian Nord?

Nach seinen Anfängen als Musiker, Komponist und Produzent in Hamburg ist der leidenschaftliche Surfer vor 15 Jahren nach L.A. gezogen. Gemeinsam mit seinem Partner Malte Hagemeister realisiert er mit dem Label California Music ambitionierte musikalische Projekte und Imagefilme für Marken wie Nike, BMW und Red Bull. Für das Album „Sekou Andrews & The String Theory“ konnte er nicht nur eine Grammy-Nominierung einheimsen, sondern er sitzt heute auch in der Jury des begehrten Musikpreises. Gemeinsam mit Hagemeister spielt Nord zudem in der Indieband The Great Escape.

Nichts verpassen! Einfach unseren Musik-Newsletter abonnieren! Anmelden