Lang lebe die Gänsehaut

Während sich der Chartnachwuchs immer greller und unangepasster inszeniert, kontert Kate Melua ganz entspannt mit einem Livealbum. Von Verena Reygers

Künstler*innen lehnen Etiketten oft ab, um ihre Einzigartigkeit nicht zu gefährden. Auch Katie Melua ist eine solche Verweigerin. „Ich habe keine Nische“, sagt die 35-Jährige, die es wohl auch deshalb zu einer der erfolgreichsten Künstlerinnen des Vereinigten Königreichs geschafft hat. Das liegt einerseits an der Stimme der 1984 im georgischen Tiflis geborenen Musikerin, andererseits an ihrer Musik, die aus Pop, Jazz und Folk einen samtenen Sound schafft, der sich trotz wechselnder Trendlaunen im Mainstream nicht abnutzt. Im Gegenteil, je greller und unangepasster sich der Chartnachwuchs gibt, desto gediegener und einnehmender gestaltet Katie Melua ihre Musik. Keine Nische zu bedienen heißt bei der Britin deshalb nicht, keine Experimente zu wagen. Im Gegenteil: Ihr 2016 erschienenes Album „In Winter“ hat Melua selbst produziert und auch gleich noch den 24-köpfigen georgischen Frauenchor Gori verpflichtet, der Melua bei den klassischen Stücken – darunter Rachmaninoffs „Nunc Dimittis“ – unterstützt. „Nunc Dimittis“ sowie der seit mehr als 30 Jahren bestehende Chor sind nun auch auf Meluas neuer Liveplatte zu hören – ein Doppelalbum ihrer letzten Tour und ein Streifzug sowohl durch die eigenen Hits als auch die großen Songs anderer: von Stings „Fields of Gold“ über Joni Mitchells „River“ bis hin zu Louis Armstrongs Evergreen „What a wonderful World“. Dabei versucht Melua nicht, die Einflüsse des Originals zu verhehlen, sondern vereint die Wesenzüge des Songs mit ihrer eigenen künstlerischen Persönlichkeit, um ihnen etwas Neues zu entlocken. Getragen von der harmonischen Stimmgewalt des Gori Chors führt Melua ihre Fans in die Vergangenheit zu ihren frühen Songs „Nine Million Bicycles“, „I cried for you“ oder „Belfast“, das auch 16 Jahre nach seiner Veröffentlichung Gänsehaut-Schauer über den Rücken jagt. Und doch wirken Meluas Songs ähnlich gereift wie die Künstlerin, das großäugige Staunen der damals 19-Jährigen ist der Souveränität einer erwachsenen Musikerin gewichen. Einer Musikerin, deren Vision nach wie vor so klar wie unumstößlich ist: Sie füllt keine Nischen.

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