MUSIK

Lauv: Drogen statt Freunde

Lauv
LauvFoto: Lauren Dunn

Ari, in „Drugs & the Internet“, dem ersten Song auf deinem Album „How I’m feeling“, behauptest du, alle deine Freunde gegen Drogen und das Internet eingetauscht zu haben. Ernsthaft?

Lauv: Ach, ein bisschen Selbstverarsche steckt da schon mit drin. Aber auch einiges an Wahrheit. Vor etwa anderthalb Jahren gab es diese Phase in meinem Leben, in der ich so besessen davon war, wie die Leute im Netz auf meine Musik reagieren, dass ich so ein bisschen den Kontakt zu meinem richtigen Leben eingebüßt habe. Ich war für geraume Zeit wirklich kein guter Freund und musste danach erst wieder einiges an Reparaturarbeit leisten.

Überhaupt geht es in den 21 Songs viel um Einsamkeit.

Lauv: Soziale Isolation war wirklich ein Riesenproblem für mich. Das ganze Internet ist voller leerem, ablenkendem, jede Sehnsucht unmittelbar befriedigendem Zeug, dass man sich irgendwann schwertut, aus dieser Welt rauszufinden. Ich versuche – noch mit mäßigem Erfolg – meine Internetzeit zu begrenzen und habe gerade mit dem Tanzen angefangen. Ich will mehr Hobbys haben, die im echten Leben stattfinden.

Einer deiner bekanntesten Songs heißt „I’m so tired“ und ist ein Duett mit deinem Kumpel Troye Sivan. Schläfst du genug?

Lauv: Interessant, dass du fragst. Meine Freunde sagen auch immer: Ari, du musst mehr schlafen. Das ist wirklich meine Schwachstelle. Ich bin ruhelos, habe dauernd Ideen, wäre am liebsten ständig im Studio. Oft schlafe ich nur drei oder vier Stunden pro Nacht. Aber ich fange an sicherzustellen, dass ich zumindest alle paar Tage mal vernünftig schlafe.

Warum warst du denn eigentlich so schlecht drauf?

Lauv: Mein Leben hat mich gestresst und fast aufgefressen. Meine Karriere wurde in kurzer Zeit so schnell nach vorne katapultiert – das hat mich fast umgehauen. Vor knapp drei Jahren habe ich „I like me better“ rausgebracht, und binnen weniger Monate habe ich nicht mehr vor 200, sondern vor 5000 Leuten pro Abend gespielt. Kurz danach kam dann auch noch die Stadiontour mit Ed Sheeran.

Ist dir alles zu viel geworden?

Lauv: Ja, aber erst mit Verzögerung. Die Tour mit Ed war nicht so beängstigend, wie ich es zunächst befürchtet hatte. Sie war sogar richtig toll, und Ed ist sowieso der süßeste und liebste Kerl, den es gibt. Wir haben ein bisschen zusammen geschrieben, und ich habe von ihm lernen können.

Was denn?

Lauv: Effizienz. Ed schreibt fünf, sechs, manchmal sieben Songs an einem Tag. Er denkt die Dinge nicht kaputt. Später geht er dann zu dem Song zurück, der sich gut für ihn anfühlt, und macht weiter an ihm rum. Nicht jeder Song ist dazu bestimmt, perfekt zu sein. Erst ein gutes halbes Jahr nach der Tour mit Ed bin ich in ein Loch gefallen.

Wie bist du da wieder rausgekommen?

Lauv: Indem ich angefangen habe, mich konsequenter mit Leuten zu umgeben, die mir guttun. Nachdem die Diagnose feststand, dass ich an Depressionen leide, haben auch die entsprechenden Medikamente geholfen. Anfangs habe ich mich extrem gegen das Zeug gesträubt, aber es hat mir wirklich geholfen. Sogar ein bisschen zu sehr.(lacht)

Das heißt?

Lauv: Ich bin in eine euphorische, fast manische Phase geraten. Das war auch anstrengend. Dann habe ich aber die richtige Tablettenkombination gefunden. Seitdem bin ich stabiler und schwinge nicht mehr so extrem hin und her.

Seit einiger Zeit wird in der Popmusik viel offener über psychische Probleme gesprochen. Findest du das wichtig?

Lauv: Sehr wichtig sogar. So viele Leute kämpfen mit Ängsten oder Depressionen, oft auf noch weit schlimmere Weise als ich, und je mehr Menschen in der Öffentlichkeit darüber reden, desto mehr hilft das auch den anderen Betroffenen. Mein bester Freund hat mir etwa mit seinen Erfahrungen sehr durch die harte Zeit geholfen.

Dein Lied „Fuck, I’m lonely“ ist Teil des Soundtracks zur Serie „13 Reasons why“ („Tote Mädchen lügen nicht“), von der einige sagen, sie glorifiziere das Thema Selbstmord. Was ist deine Haltung dazu?

Lauv: Man kann an allem negative Aspekte finden – die wenigsten Dinge sind einfach nur toll. Aber insgesamt finde ich die Serie wichtig und hilfreich, weil sie sich nicht scheut, sehr ernste Inhalte einem großen Publikum näherzubringen.

Du bist als Kind einer in der HIV-Forschung tätigen Mutter viel umgezogen und hast in San Francisco, Atlanta, New York und Los Angeles gelebt. Zunächst hast du als Songwriter gearbeitet, etwa für Charli XCX und Céline Dion. Wann hast du entschieden, selbst in die erste Reihe zu treten?

Lauv: Das war ein bewusster Schritt, aber keine leichte Entscheidung. Ich mochte es, der Mann im Hintergrund zu sein. In New York habe ich Musiktechnologie studiert und meinen ersten Song veröffentlicht, ohne mir viel dabei zu denken. Dann wurde es unerwartet schnell unerwartet groß. Und dann kam ja auch schon „I like me better“.

Deine Songs sind melancholisch, traurig, aufbauend, fröhlich, überschwänglich – du bildest wirklich alle Facetten der Popmusik ab.

Lauv: Genau das war der Plan. „I met you when I was 18“ war eine eher eindimensionale Sammlung von Songs: Alles hat sich um die Beziehung zu meiner Ex-Freundin gedreht. Die ersten Stücke berichten aus der Zeit, wo wir uns als Studenten in New York kennengelernt haben, und es geht dann bis zur Trennung vier Jahre später. Ich zelebriere mich da selbst ganz schön als hoffnungsloser Romantiker. Auf dem neuen Album sind die Musik und die Themen dagegen total vielfältig. Es gibt Stücke über das Verlieben und das Verlassen, aber auch eins über meine Lieblingskneipe „El Tejano“ in North Hollywood. Dann wieder handelt ein Song von meiner Mutter, und auch meinem Hund habe ich ein Stück gewidmet.

Deinem Hund?

Lauv: Ja, er heißt Billy und ist ein superniedlicher und superdreister Zwergspitz. Er denkt, er wäre ein Großer. Billy ist mein emotionaler Unterstützungshund. Ich hoffe, ich kann ihn mit auf Tournee nehmen. Leider ist er sehr inkontinent und hasst es zu fliegen.

Interview: Steffen Rüth

How I’m feeling erscheint am 6. März.

Lauv Live

26. 10. Oberhausen

28. 10. München

29. 10. Stuttgart

31. 10. Hannover

2. 11. Frankfurt

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