„Lord of the Flies“: Kinder der Angst – Kinder der Gewalt
Bei Sky und als Stream bei Wow kommt eine neue Verfilmung des Romans „Lord of the Flies“ von William Golding. Regisseur des bildgewaltigen Vierteilers: Marc Munden. Jack Thorne hat das Drehbuch geschrieben.
So kann man eine Coming-of-Age-Geschichte auch erzählen. Kinder im Alter zwischen Sechs und Zwölf stürzen auf einer Südseeinsel ab und müssen sich in der Wildniss alleine behaupten. Das Ergebnis auch der neuen Verfilmung von „Lord of the Flies“ ist erschütternd, auch wenn der Roman von William Golding schon 70 Jahre alt ist. Der Vierteiler nach einem Drehbuch von Jack Thorne wurde von Marc Munden gefilmt, läuft jetzt bei Sky und kann bei Wow gestreamt werden.
Die Miniserie „Lord of the Flies“ beginnt nicht mit dem Absturz des Flugzeugs, sondern mit dem Aufwachen des Jungen Piggy (David McKenna), der erst mal seine Brille finden muss, um überhaupt etwas zu sehen. Bei seiner ersten vorsichtigen Erkundung der dicht bewachsenen tropischen Insel stößt der belesene Geschichtenerzähler und bis an die Besserweisserrei grenzende Theoretiker auf Ralph (Winston Sawyers), einen gutmüten und selbstlosen Jungen. Beide sind um die zwölf Jahre alt und gehören bald zu den älteren Jungs der immer größer werdenden Schar von Kindern, die alle am Strand der Insel zusammenfinden. Schon bei diesem ersten Zusammentreffen schlägt Piggy in Konkurrenz zu Jack, dem Anführer eines Kirchenchors, der ebenfalls im Flugzeug war, Ralph als Anführer der Gruppe vor. Jack verliert die Abstimmung, doch sofort wird klar, dass er sich damit nicht abfinden wird. Übrigens: Lox Pratt, der Jack spielt, wird auch in der kommenden Serienverfilmung von „Harry Potter“ dabei sein. Er wird Harrys Gegenspieler, den Bösewicht Draco Malfoy geben.
„Lord of the Flies“: Der Verlust der Unschuld

Drehbuchautor Jack Thorne hatte bereits mit dem düsteren Vierteiler „Adolescence“ gezeigt, wie intensiv ihn die Kehrseite der ansonsten in der Literatur und im Film vor allem durch Leid geprägten Coming-of-Age-Phase interessiert. Auch seine Mitarbeit an dem Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ zeigt – diesmal im Bereich der Fantasy – dieses Interesse. Regisseur Marc Munden hat sich um viele ruhige Einstellungen bemüht, vor allem in Momenten der Angst verharrt die Kamera auf den Gesichtern der Kinder, deren Schauspiel in solchen Momenten hervorragend eindringlich ist. Überhaupt die Kamera, die gerne entweder die Untersicht verwendet bei ganz nahen Einstellungen, auch das Fischauge gewährt immer wieder einen Blick in vor Schreck geweitete oder hoch konzentrierte Gesichter, während die Szenerie eines Urwaldes den Hintergrund dominiert. Ob nun die Angst vor einem vermeintlichen Monster – die kleinen Kinder kommen davon nicht los – oder vor der Gefahr durch die Natur, ob die Angst in der Nacht, wenn alle Jungs sich dicht aneinanderkuscheln beim Schlafen; oder die Angst vor der Gefahr bei der Erkundung der Insel: Der Soundtrack tut neben der Kameraeinstellung sein Übriges. Cristobal Tapia de Veer („The White Lotus“), Hans Zimmer („Dune“) und Kara Talve („The Tattooist of Auschwitz“) haben eine mehr als nur bedrohliche akustische Kulisse auf Basis von Chorgesängen bis hin zum tiefenlastigen Score geschaffen, der sich in der letzten Folge im Zuge mehrer Mordversuchte das einzige Mal extrem steigert. „Lord of the Flies“ ist eine äußerst gelungene Adaption des gleichnamigen Romans, die Serie kommt komplett ohne erklärende Momente aus und lässt einen beim Zuschauen gemeinsam mit den Kindern in der Hölle der Einsamkeit zurück.