FILM

„Love, Victor“: Coming-of-Age im Erwachsenenkanal

Die Serie „Love, Victor“ ist eine thematische Fortführung des politisch avantgardistischen, inhaltlich aber recht konventionellen Films „Love, Simon“. Victor (Michael Cimino) zieht mit seinen Eltern mitten im Schuljahr nach Atlanta, Georgia, wo er schon tags darauf seinen ersten Schultag an der Creekwood High School hat. Während seine Schwester Pilar komplett angefressen ist, weil sie ihren Freund zurücklassen musste, gibt es für Victor Höhen und Tiefen. Einer Aufnahme ins Basketballteam der Schule schon am ersten Tag folgen erste Reibereien mit Mitschülern und die Unterstützung durch den offen schwul lebenden Schüler Benji (George Sear) in den sich Victor auf der Stelle verknallt. Er kann seine Gefühle aber nicht zeigen, weil er wegen seiner sexuellen Orientierung längst noch nicht mit sich selbst im Reinen ist und ein Outing absolut scheut, zumindest bis zum Ende der ersten Folge.

Was die Serie gleichermaßen pädagogisch übergriffig wie auch erwartbar macht, ist ein ständig mitlaufender Off-Kommentar Victors – wechselnde Textmessages mit Simon aus dem Film „Love, Simon“, der seine Antworten ebenfalls aus dem Off vorliest und Victor für seine wenig selbstbewusste Haltung kritisiert. Diese offene Aussprache aller Sorgen des Serienhelden ist eine Doppelung der filmischen Handlung und ein Overkill an Informationen gleichermaßen. Diese Serie ist viel zu erwartbar, viel zu brav, auch weil sie allenthalben politisch korrektes wie auch unkorrektes Verhalten aller Beteiligten viel zu sehr ausstellt, anstatt es dramaturgisch richtig in die Handlung einzubauen. Fazit: „Love, Victor“ ist nicht so gut, weil viel zu gut gemeint. Aber vielleicht muss man Mainstreamproduktionen aus den USA schon dafür dankbar sein.

„Love, Victor“ ist eine der ersten Serien, die in Deutschland exklusiv auf dem komplett neuen Unterkanal Star von Disney+ starten. Star ist ein ausgewiesener Kanal für Erwachsene. Was eine Coming-of-Age-Serie mit dieser Harmlosigkeit hier zu suchen hat, ist eine rhetorische Frage, die die Antwort bereits mitliefert: gar nix. In den USA hat der Streaminganbieter Hulu die Serie auf einem für Jugendliche ausgewiesenen Kanal gezeigt. Wer eine Coming-of-Age-Serie ohne erhobenen Zeigefinger und dafür mit frecher Handlung und Humor sehen will, sollte sich unbedingt die Netflix-Serie „Sex Education“ anschauen. jw

 

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