KUNST

„Hundert Jahre Hackfressen!“

Sebastian Gögel Allzumenschliches Kunstsammlungen Chemnitz – Museum Gunzenhauser
Sebastian Gögel (* 1978) Connection, 2014 Öl auf Leinwand, 130 x 180 cm Sammlung Schott, Leipzig © Sebastian Gögel

Sebastian, im Ausstellungstext heißt es, dein „künstlerischer Blick richtet sich dorthin, wo es weh tut“. Worauf schaust du?

Sebastian Gögel: Dorthin, wo etwas notwendig wird. Ich finde Dinge interessant, die eine gewisse Irritation, einen Thrill herstellen. Andere sehen darin einen gesteigerten Realismus, der sehr expressiv wirkt, anstrengend und gruselig ist. Das ist im Grunde genommen ein gesteigerter Blick, wie man ihn aus dem Alltag oder aus sozialen Situationen kennt, wenn du dir Dinge erzählen lässt oder wenn Leute anderen Leuten Geschichten erzählen: Dann guckt man auf ein Detail der Realität und überspitzt es mit einer Fantasie. Auf einmal sieht man so ’ne Hackfresse mit einem völlig abstrakten Feld, das das Unerträglichste am Menschen rausbringt.

Deine Arbeiten sind von Gesichtern geprägt. Was siehst du darin?

Sebastian: Das Gesicht ist das Menschliche. Da sitzt die Seele, die Kommunikation, das Bewusstsein, der Geist. Alle Sinne sind im Gesicht, das ist ja wohl das Lebendigste, was es gibt! Der Kopf stellt alles her: die Euphorie, die Fantasie, den Horror und den Thrill.

Und was können mir deine Werke näherbringen?

Sebastian: Dinge auszuhalten! Anders und intensiver zu sehen – hinzusehen. Tolerant zu sein, auch wenn es einem nicht passt. Und es geht darum, Dingen eine Chance zu geben. Ich habe den Anspruch, durch einen neutralisierten naiven Blick eine kritische Haltung zu manifestieren, und versuche eine Ästhetik zu entwickeln, die eine gewisse Freiheit zum Ausdruck bringt.

Du wirst mit Arbeiten von Max Beckmann oder Otto Dix ausgestellt. Was habt ihr gemeinsam?

Sebastian: Eigentlich gar nichts, außer dass wir alle Maler sind. Vielleicht aber doch die Sujets Mensch, Stadt, Sozialpolitik, Farbe und Linie. Ein paar Leute waren der Meinung, dass die Sammlung Gunzenhauser adäquat zu meiner heutigen Position passt: Hundert Jahre fantastischer Realismus, Expressionismus – hundert Jahre Hackfressen! Ich bin kein Menschenhasser, aber da wird die Menschenliebe deutlich. Es ist mein Ausdruckswille, der begeisternd an bestimmten Formen arbeitet, und mit diesem Ausdruck kommen Gedanken und Fragen an die Welt.

Du bist neben der figürlichen Malerei mit Skulpturen, Grafiken und Tattookunst beschäftigt. Was kann ich demnächst noch von dir sehen?

Sebastian: Demnächst werde ich Arbeiten in Leipzig zeigen. Im Oktober dann in Berlin und im November in der Kölner Galerie Choi & Lager.

Interview: Janka Burtzlaff

„Sebastian Gögel. Allzumenschliches“ läuft noch bis zum 29. November im Museum Gunzenhauser.

Mehr Infos zur Ausstellung gibt es auf der Homepage der Kunstsammlungen Chemnitz.