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Manu Delago: Interview zum neuen Album „Environ me“

Manu Delago Simon Rainer
Foto: Simon Rainer

Der österreichische Hang-Musiker Manu Delago ist ein ruheloser Geist. Er hat schon mit Künstler:innen auf der ganzen Welt kollaboriert, darunter Anoushka Shankar und Björk. Doch auch bei seinen eigenen Projekten reicht es dem Komponisten nicht, einfach nur ein paar Stücke zu schreiben. Neue Ideen und ausgefallene Konzepte geben stattdessen den Ton an.

Bei seinem neuen Album „Environ me“ hat Delago seine Umwelt auf einzigartige Weise in die Musik einfließen lassen – und dafür schon mal einen gefrorenen See zersplittert. Wir haben mit Manu Delago über akustische und elektronische Klänge, Kontrabässe im Wald und das Touren per Fahrrad gesprochen.

Manu, bei „Environ me“ geht es, wie der Titel verrät, um die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt. Aber auch die Technologie spielt darauf eine große Rolle. Was ist deine persönliche Beziehung zur Umwelt, und wie hat sie dieses Album beeinflusst? Hat sie sich in den letzten Jahren verändert?

Manu Delago: Ich bin auf dem Land bzw. in den Alpen aufgewachsen und habe sehr viel Zeit in den Bergen verbracht. Allerdings bin ich 2007 nach London übergesiedelt, wo ich ein sehr urbanes Leben kennengelernt habe und mich seither beide Seiten inspiriert haben. Mit dem Album-Konzept zu „Environ me“ habe ich gelernt, meine Umgebung noch genauer wahrzunehmen. Und mehr und mehr verstehe ich auch den Unterschied zwischen Umweltschutz und Klimaschutz, aber das ist ein kompliziertes Thema.

Das hier ist nach längerer Zeit dein erstes Album, auf dem du auch elektronische Klänge nutzt. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit mit digitalen Klängen von der Art, auf die du sonst Musik machst?

Delago: Ich habe 2015 und 2017 schon zwei Alben mit Electronics gemacht, mich allerdings danach beim Musik- und Bergfilm „Parasol Peak“ (2018) bewusst dazu entschieden, ein Outdoor-Abenteuer aufzunehmen, welches komplett ohne Strom durchführbar sein soll. Ich wollte nicht mehr so viel am Computer sitzen und Files durch die Welt schicken, aber dafür mit meinem Ensemble in den Bergen ein Album aufnehmen, das zwar durchaus von elektronischer Musik inspiriert ist, aber eben zu 100 % akustisch aufgenommen wird.

Manu Delago: „Ich liebe Abenteuer“

Mir gefiel dieser rohe Sound, und beim darauffolgenden Album „Circadian“ habe ich das Ensemble noch erweitert und in einem gemütlichen warmen Studio aufgenommen anstatt auf über 3 000 Metern Seehöhe bei frierenden Temperaturen. Beim neuen Album „Environ me“ jedoch verzichte ich auf das Ensemble, und neben meinen akustische Percussion-Sounds sind die Hauptsäulen unsere „Environment“ und „Technology“, dafür wollte ich auch jeden Fall auch wieder mit elektronischer Klangmanipulation arbeiten.

Apropos „Environment“: Viele Tracks und die dazugehörigen Videos sind draußen in der Natur entstanden, wo man als Künstler weit weniger Kontrolle hat als im Studio. Gab es Momente, die komplizierter oder chaotischer waren als vorhergesehen?

Delago: Ja, einige. Der Track „Liquid Hands“ zum Beispiel wurde in einem See aufgenommen. Wir hatten ein Unterwassermikrofon und warme Trockenanzüge dabei, waren aber nicht darauf vorbereitet, dass der See Ende November bereits zugefroren sein würde. Also mussten wir mit einem Stein die Eisoberfläche zerbrechen, um in den See zu kommen. Dass die drei Stunden Aufnahmezeit im See nicht ganz warm waren, muss ich wahrscheinlich nicht weiter ausführen. Aber dafür ist das Video sehr schön geworden.

Auch Paragliden mit zwei Orgelpfeifen in meinen Händen und vier Kameras bzw. zwei Mikrofonen an mich montiert war eine Challenge, oder 20 Kontrabässe in den Wald zu tragen und dort auf abgeholzten Baumstümpfen zu spielen. Aber ich liebe Abenteuer und das Ungewöhnliche.

„Es war extrem anstrengend“

Auf der Tour zum Release von „ReCycling“ bist du mit deiner Crew per Fahrrad gereist. Wie macht man das mit dem ganzen Equipment? War es anstrengend, oder kannst du dir vorstellen, ab jetzt immer so zu touren?

Delago: Ja, es war extrem anstrengend. Wir sind über 1 500 Kilometer und über 10 000 Höhenmeter geradelt, und das mit 60 Kilo schweren Anhängern an ,normalen‘ Fahrrädern. Das gesamte Equipment war in den Anhängern, aber leider war unsere maximale Reichweite 120 Kilometer pro Tag.

Daher fand die Tour großteils in Österreich statt. Ich wünschte, wir könnten immer so touren, aber leider ist das auf internationaler Ebene schwer umsetzbar. Ich arbeite allerdings stets an Konzepten, wie man Konzert-Tourneen mit weniger Treibhausgas-Emissionen durchführen kann.

Die meisten deiner Projekte haben ein zentrales Konzept oder Thema. Fällt es dir schwer, Musik in einem Vakuum zu denken? 

Delago: Generell finde ich Einschränkungen inspirierend, daher hilft es mir, wenn ich ein bestimmtes Konzept habe. Bei „Parasol Peak“ waren es sieben Musiker:innen am Berg, nur mit Instrumenten, die wir selbst tragen können, ohne Overdubs, alles live eingespielt. Und jetzt bei „Environ me“ ist das Konzept „meine Umgebung und ich“, mit vielen Sounds aus der Natur wie Wasser, Tiere, Feuer, Bäume – allerdings auch Maschinen und Industrie. „Environ me“ kommt außerdem als audiovisuelles Paket mit zwölf aufwendig produzierten Videos. Es kann aber durchaus sein, dass ich in Zukunft wieder einmal ein Album mache, bei dem es zu 100 % um Musik geht.

Manu Delago: Tour noch im Oktober

Mit seiner neuen Musik kommt Manu Delago noch in diesem Monat auf Tournee. Findet die Termine hier:

  • 8. 10. Erfurt – Franz Mehlhose
  • 9. 10. Stuttgart – Club CANN
  • 10. 10. Hamburg – Nochtspeicher
  • 12. 10. Karlsruhe – Jubez
  • 13. 10. Nürnberg – Neues Museum
  • 14. 10. Münsterlandfestival
  • 15. 10. Berlin – Silent Green

Tickets zur Tournee gibt es bei Eventim zu kaufen.

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