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„Marty Supreme“: Ganz großes Ping-Pong

Timothée Chalamet spielt in Josh Safdies Film „Marty Supreme“ den Schuhverkäufer Marty Mauser, der als Tischtennisspieler in die Weltklasse aufsteigen will.
Timothée Chalamet spielt in Josh Safdies Film „Marty Supreme“ den Schuhverkäufer Marty Mauser, der als Tischtennisspieler in die Weltklasse aufsteigen will. (Foto: Tobis Film)

Timothée Chalamet erfindet sich mit jedem Film neu. Jetzt gibt er in Josh Safdies Sportfilm „Marty Supreme“ einen größenwahnsinnigen Tischtennisspieler und Schuhverkäufer.

In seinem neuen schwindelerregenden Film „Marty Supreme“ jagt Josh Safdie einen von Timothée Chalamet gespielten Tischtennisspieler durch die Nachkriegszeit und die harten Mühlen des American Dream. „Marty Supreme“ startet jetzt in den Kinos.

1952, New York: Sex im Warenlager? Während der Arbeit? Mit einer verheirateten Freundin aus Kindheitstagen? Das verspricht Ärger. Und wo Ärger lauert, ist Marty nicht weit. Gleich mit der ersten Szene von Josh Safdies neuem Kinofilm „Marty Supreme“ verlieben wir uns in die charmante Großspurigkeit des von Timothée Chalamet („Dune“, „Like a complete Unknown“) mit Verve verkörperten jüdischen Schuhhändlers Marty Mauser.

Dass Josh Safdie („Good Time“) ein herausragender Geschichtenerzähler ist, dürfte seit „Der schwarze Diamant“, seinem Thriller über die Abwege eines spielsüchtigen jüdischen Juweliers aus New York, hinlänglich bekannt sein, und auch mit „Marty Supreme“ erzählt Safdie wieder die Geschichte eines von Geldnöten gehetzten Großmauls. Dass der US-Regisseur ein ebenso brillanter Bewegtbild-Ästhet ist, beweist nun sein budgetschwerer A24-Ping-Pong-Film. Schwimmen etwa gleich nach der Eröffnungsszene, in der sich Marty mit Rachel (Odessa A’zion, „Die Rache der Polly McClusky“) im Lager des Schuhladens seines Onkels vergnügt, Spermien über die Leinwand, während sich eine Eizelle zu Alphavilles 80er-Jahre-Synthpop-Hymne „Forever Young“ in einen Tischtennisball verwandelt. So schön campy wurde ein rundes Spielgerät zuletzt in Luca Guadagninos „Challengers“ inszeniert: ganz großes Tennis!

Foto: Foto: Tobis Film

„Marty Supreme“: Ein Cast zum Zungeschnalzen

Obwohl Marty seinen Job gut macht, zum Manager befördert werden soll und nach eigener Einschätzung selbst einem Beinamputierten noch Schuhe angedreht bekommen würde, will er raus aus dem miefigen Schuhgeschäft und der beste Tischtennisspieler der Welt werden. So sehr es dem 23-Jährigen an Geld mangelt, fehlt ihm eines ganz sicher nicht: Hybris. Und tatsächlich gelingt es dem pickligen Ping-Pong-Boy, mit gestohlenem Geld aus dem Safe seines Onkels an einem renommierten Tischtennisturnier in London teilzunehmen und ins Finale einzuziehen. Dort ist allerdings Schluss. Martys Nemesis: Der Japaner Endo. Alles ist angerichtet für die Hollywood-Heldenreise, auf der gelogen, betrogen und gestohlen sowie geflucht, gefickt und geschossen wird. Es ist ein Chaos sondergleichen, fantastisch orchestriert und von einem Cast getragen, der vor Spielfreude nur so strotzt und Chalamet die Bälle – im wahrsten Sinne – punktgenau serviert.

„Marty Supreme“: 50s meets 80s

Dass sich Safdie für Chalamets Rolle vom verstorbenen US-Tischtennisspieler Marty Reisman hat inspirieren lassen, ist kaum von Bedeutung. Hält es der Film mit der Wirklichkeit doch in etwa so genau wie sein Protagonist mit der Wahrheit. Und so gönnt sich der Film einen Synthie-Soundtrack, der mal so gar nicht nach 50er-Jahre klingt. Neben Alphaville begleiten etwa Peter Gabriel, Tears For Fears oder New Order die mitunter hyperrealistische Nachkriegsszenerie in den USA und Japan. Ein kluger Kniff. Könnte der Film damit doch auch als Retrospektive des alten Marty Mausers gelesen werden, der 30 Jahre später seinen ambitionierten Aufstieg nacherzählt. Immerhin würde jene narrative Perspektive erklären, warum der Protagonist selbst dann noch als sympathisches Schlitzohr davonkommt, als er seine Mutter (Fran Drescher), seinen besten Freund (Tyler Okonma alias Tyler, The Creator) und die schwangere Rachel im Stich lässt, nur um seinem Traum nachzujagen.

Gwyneth Paltrow in der Rolle der Hollywood-Schauspielerin Kay Stone im Film „Marty Supreme“
Gwyneth Paltrow in der Rolle der Hollywood-Schauspielerin Kay Stone im Film „Marty Supreme“ Foto: Foto: Tobis Film

Goldgräber- und Blutsaugerstimmung

Doch was ist eigentlich sein Traum? An einer Stelle erklärt Marty der Hollywood-Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow), er sei auch so etwas wie ein Performer. Weshalb einen zunehmend die Ahnung beschleicht, dass Tischtennis für Marty bloßes Vehikel für den Aufstieg ins Rampenlicht ist. Hier findet sich die wohl (einzige?) entscheidende Übereinstimmung von Chalamets Rolle und dem echten Marty Reisman wieder. War Reisman doch stets für seine unkonventionelle Interpretation des Tischtennissports und als Showman bekannt. Und so ist „Marty Supreme“ weniger ein Biopic als ein Film über das Showbusiness, über das Spektakel als Ware und über das Kunststück, Leidenschaft nicht in Besessenheit kippen zu lassen. Letzteres gelingt Marty nur bedingt. Auch, weil Safdie mit dem steinreichen Milton Rockwell einen übermächtigen Antagonisten abseits der Tischtennisplatte installiert, der in dem aufblühenden Sport einen unerschlossenen Markt wittert und gierig beginnt, Talent abzusaugen. Treffend besetzt vom kanadischen Unternehmer Kevin O’Leary, bezeichnet sich Rockwell an einer Stelle sogar selbst als Vampir: Aus Goldgräber- wird Blutsaugerstimmung. So punktgenau Safdie ein Sittenbild der Verheißungen des American Dream nachzeichnet, so unsentimental blickt er mit dem teuersten Film, den A24 je publiziert hat, auf jüdisches Nachkriegsleben (Stichwort: Honig-Szene). Das ist großes Hollywood-Kino, das sich selbstbewusst in die Riege legendärer Sportfilme wie „Rocky“, „Die Farbe des Geldes“ oder „An jedem verdammten Sonntag“ einreiht.

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