Marvels „Wonder Man“: Superheldenserie ohne Superheld
Die Serie „Wonder Man“ auf Disney+ ist die originellste Marvel-Show seit langem. Aber zahlt sich das Experiment aus?
„Superhelden sind jetzt Teil unseres Lebens“, sagt Regisseur Von Kovak (Slatko Buric). Er meint damit freilich die Marvel-Realität, in der Menschen mit Superkräften buchstäblich existieren. Und doch funktioniert sein Kommentar auch in Bezug auf unsere Wirklichkeit. Das Superheldengenre, einst nur eines von vielen, ist längst zur dominanten Form des Action- und SciFi-Kinos geworden. Doch selbst die größten Fans reagieren auf die immer gleiche Formel mittlerweile mit Müdigkeit. Warum also nicht mal eine ganz andere Geschichte erzählen? „Was werden wir finden, wenn wir Wonder Man heute anschauen?“, fragt Kovak. „Was kann er uns über uns selbst beibringen?“
Das hat sich nicht nur der fiktive Kovak gefragt, sondern auch Destin Daniel Cretton und Andrew Guest, die Macher der neuen Marvel-Serie „Wonder Man“ (jetzt bei Disney+ streamen). Denn obwohl es um den Helden im Titel geht, der erstmals 1964 in einem Comic aufgetaucht ist, ist die Show keine typische Superheldengeschichte. Action fehlt fast gänzlich, es gibt keinen Schurken und keine Katastrophe, die verhindert werden muss. Stattdessen ist „Wonder Man“ die längste Zeit der ersten Staffel eine eher geruhsame Dramaserie über Hollywood, über den großen Traum eines Schauspielers – und über Freundschaft.
Ein „Wonder Man“-Film in der „Wonder Man“-Serie
Simon Williams (Yahya Abdul-Mateen II) müht sich seit Jahren in Hollywood ab, landet aber kaum Rollen – und vergibt auch mal eine große Chance, weil er sich zu sehr in die Hintergrundgeschichte einer Figur hineinsteigert. Als er hört, dass der Oscar-Gewinner Von Kovak den alten Superheldenfilm „Wonder Man“ neu auflegt, ist er sofort Feuer und Flamme – denn als Kind war Simon ein Riesenfan des Originals. Eine Zufallsbekanntschaft mit Trevor Slattery (Ben Kingsley) kommt da gerade recht, denn der Bühnenveteran gibt ihm wertvolle Tipps.
Slattery, den Marvel-Fans kennen, seit er sich in „Iron Man 3“ als der Superschurke Mandarin ausgegeben hat, hat allerdings ein Geheimnis: Aufgrund seiner Vergangenheit ist er gezwungen, mit der Regierung zu kooperieren, um dem Gefängnis zu entgehen. Er soll nachweisen, dass in Simon Superkräfte schlummern, die dank ihrer Zerstörungskraft sehr gefährlich werden könnten. Simon wird tatsächlich als Wonder Man gecastet, und Slattery als dessen Mentor Barnaby, der ihn später im Film betrügt. Alles könnte wunderbar laufen – doch leider hat Simon wirklich Superkräfte, die er unterdrückt, weil Menschen mit übernatürlichen Kräften das Mitspielen in Filmen verboten ist …
Glückt Marvel das Experiment?
„Wonder Man“ – die Serie, nicht der fiktive Film – ist ein interessantes Phänomen. Einerseits eindeutig ein Marvel-Produkt mit Querverweisen auf den Rest des MCUs, sind Simons Kräfte andererseits die meiste Zeit Nebensache, und andere Superhelden-Klischees fehlen komplett. Klar, wir wissen, worauf alles am Ende hinausläuft: Auch Simon Williams wird sich in den Marvel-Kosmos einfügen und Bösewichte zur Strecke bringen müssen. Aber bis dahin erzählen die Macher:innen eine ganz andere Geschichte.
Das ist allemal ein spannendes Experiment, wirft aber auch die Frage auf: Ist die Handlung um Simon und Trevor spannend genug, um auf eigenen Füßen zu stehen? Würden wir Batman zuschauen, wenn er nach der Ermordung seiner Eltern kein Kostüm angezogen hätte, sondern es bei der Eröffnung eines Waisenhauses belassen hätte? Hättet ihr Lust, Zeit mit einem Peter Parker zu verbringen, der nie von einer Spinne gebissen wurde? Umgekehrt gefragt: Wäre „The Bear“ eine noch bessere Serie, wenn Carmy nebenbei auch noch Dinge explodieren lassen könnte?
Die Entdeckung der Langsamkeit
So richtig glückt es „Wonder Man“ nicht, die Spannung über acht Episoden aufrecht zu erhalten. Das liegt auch am extrem langsamen Tempo, das zwar eine erfrischende Abwechslung von anderen Superhelden-Serien ist, aber oft auch zäh und vorhersehbar wirkt. Vor allem, weil die zentralen Konflikte – Simon will die Hauptrolle, muss aber lernen, nicht alles zu zerdenken und seine Kräfte zu kontrollieren, während Slattery ihm helfen will, aber ihn heimlich ausspionieren muss – schon am Ende der ersten Folge ausdefiniert sind. Unterhaltsam ist die Serie trotzdem, dank der Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern und dem Meta-Humor, den die Hollywood-Handlung mit sich bringt. Dass Slattery ausgerechnet Barnaby spielt, der Wonder Mans Vertrauen missbraucht, ist natürlich kein Zufall. Und ein paar witzige Kurzauftritte von Schauspielern wie Josh Gad oder Joe Pantoliano („nennt mich Joey Pants, das tun alle“) sind ebenfalls gern gesehen.
Viele Fragen bleiben
Doch das Tempo ist schon verdammt langsam. Eine ganze Folge widmet sich der Frage, warum Superhelden keine Hollywood-Verträge kriegen – ein einigermaßen lustiger Gag, den man auch in zwei Minuten hätte machen können. Stellenweise lassen die Macher:innen ernstere Themen anklingen: Simons haitianisches Erbe ist Teil seiner Identität, und wenn eine Exfreundin ihm sagt: „Ich weiß seit langem, dass du anders bist. Aber ich verstehe, dass niemand davon wissen durfte. Ich hoffe, dass du eines Tages jemandem findest, dem du vertrauen kannst“, dann redet sie von seinen Kräften, könnte aber auch über andere Dinge sprechen, die Menschen bis heute vor der Gesellschaft verstecken.
Aber: Superkräfte als Metapher für Außenseitertum sind auch längst ein alter Hut. Und die Serie macht nie wirklich etwas mit diesen Andeutungen. Überhaupt stellt sie keine tiefergehenden Fragen über die toxischeren Aspekte Hollywoods, obwohl mehr als genug Zeit dafür wäre. Auch Simons teilweise traumatische Kindheit und die schwierige Beziehung zu seinem Bruder – den Comicfans ebenfalls kennen – werden aufgebracht, dann aber beiseite gelassen. Vielleicht wird sich die zweite Staffel eingehender mit all diesen Ansätzen befassen, die durchaus Potenzial haben. Wenn das Erzähltempo allerdings so langsam bleibt, wird wohl frühestens die zehnte Staffel irgendwelche Antworten auf die Eingangsfragen liefern.