Messer: No Future Days
Auf „No Future Days“ entwickeln die zum Quartett geschrumpften Messer ihren sehr eigenen Postpunksound weiter, indem sie sich auf die Wendezeit zwischen den 1970er und 80er Jahren bezieht.
Wann schläft Hendrik Otremba eigentlich? Nachdem er im letzten Jahr mit dem spektakulären Roman „Kachelbads Erbe“ den Literaturbetrieb aufgemischt hat, folgt nun auch schon das vierte Album seiner Band Messer. Auf „No Future Days“ entwickelt die nach dem Weggang des Percussionisten Manuel Chittka zum Quartett geschrumpfte Gruppe aus Münster und Berlin ihren sehr eigenen Postpunksound weiter, indem sie sich auf die Wendezeit zwischen den 1970er und 80er Jahren bezieht und diesen Übergang für das musikalische Jetzt neu durchspielt: Nachdem bereits die Vorabsingle „Anorak“ dezente Dub-Referenzen integriert hat, kommen bei „Tod in Mexiko“ auch Synthesizer und Vocoder zum Einsatz, und weil sich Otrembas Gesang stärker in den Bandsound integriert, klingen Messer insgesamt kompakter und grooveorientierter. Natürlich lassen sich Songtitel wie „Der Mieter“ als Rückbezüge zum Roman interpretieren – doch betrifft das vor allem den Klang und die Assoziationen bestimmter Schlüsselworte.
Inhaltlich geht es auf „No Future Days“ um eine sehr persönliche und eigenständige Auseinandersetzung mit Erinnerungsräumen: Der Text von „Das verrückte Haus“ speist sich aus einem Gespräch Otrembas mit Bassist und Produzent Pogo McCartney, bei dem die Topografie einer Kindheit den Verlust eines engen Familienmitgliedes fühlbar macht. „Tiefenrausch II“ knüpft an einen Song von „Die Unsichtbaren“ an, findet bei der Begegnung mit Otrembas verstorbenen Vater aber versöhnlichere Worte: „Ich will dich nicht vergessen, den Kindern geht es gut, die Kinder werden Eltern nun, verlieren nicht den Mut.“ Spätestens aber mit dem fast siebenminütigen Prog-Reggae-Abschluss „Versiegelte Zeit“ weitet sich die Perspektive, die trotz aller Hoffnungsschimmer die Gegenwart nicht verkennt: „Männer in grünen Regenmänteln stehen im Spalier. Etwas in mir sagt mir, die waren früher schon mal hier.“cs
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