KUNST

Michelle Elie: „Mode hat die Macht, Dinge zu verändern!“

Michelle Elie
Foto: Luigi Giacco

Michelle, wie Rei Kawakubo wirst auch du als Nonkonformistin bezeichnet. Kann das eine Herausforderung sein, wenn es um die Arbeit in der Modebranche geht?

Michelle Elie: Ich glaube, es kann für das Leben im Allgemeinen eine Herausforderung sein. Es beginnt mit einer Ideologie, die du nicht nur in der Mode, sondern in allen Bereichen deines Lebens ausdrückst. Wenn es um Disziplin und eigene Wertvorstellungen geht, dann kannst du dich nicht immer nach anderen richten. Besonders in der heutigen Zeit, in der sich die Dinge immer mehr angleichen. Du musst eine eigene Stimme haben und dich damit ausdrücken!

Würdest du sagen, Normen in Frage zu stellen ist genau das, was die Mode braucht?

Michelle: Mode ist sehr demokratisch, du kannst sein, was immer du willst! Ich kann also nicht sagen, ein nonkonformer, extremer Avantgarde-Look sollte DER Weg der Mode sein. Genau deshalb gibt es so viele Labels von verschiedenen Designern, verschiedene Typen von Menschen, Geschmäcker und Kulturen. Die Mode hat eine so große Bandbreite an Kleidung – und natürlich können wir Menschen nicht alle gleich aussehen. Ich finde es interessanter, wenn jeder sich ganz unterschiedlich ausdrückt. Mode kann zeigen, was du denkst. Nehmen wir die Punk-Bewegung: Sie lehnte Normen ab, weil sie der damaligen Wirtschaftsstruktur überdrüssig und gegen eine bestimmte Regierungsbewegung war. Das war ziemlich stark! Man muss sich nicht durch Ankleiden punkig machen, aber man kann in seiner Lebenseinstellung ein Punk sein.

Glaubst du, dass Mode die Wahrnehmung von Normen verändern kann? Und siehst du eine Entwicklung in diese Richtung?

Michelle: Ja! Schauen wir auf die Modegeschichte, vor allem auf Frauen. Sie mussten ein Korsett tragen oder eine kleine Taille haben. Designer*innen wie Coco Chanel, Yves Saint Laurent oder Rei Kawakubo revolutionierten die Mode, indem sie ihr eine neue Sprache verliehen. Dann kam die Generation, die sich in Turnschuhen wohlfühlt. Mode hat die Macht, Dinge zu verändern. Besonders in den jetzigen Krisen, mit denen wir es zu tun haben: Krankheiten, Flüge, Umwelt und Nachhaltigkeit. Wir haben einen wichtigen Entwicklungsschritt vor uns. Welche Verantwortung tragen die Designer*innen, welche die Konsument*innen? Wie kaufen wir Mode, woher kommt die Mode, wer produziert sie und wie? Wir müssen uns darüber viel bewusster werden!

Du zeigst deine Kollektion von Comme des Garçons in einer Ausstellung. Worum geht es dir dabei?

Michelle: Das Design und die Philosophie hinter Rei Kawakubos Label verkörpern meine Lebenseinstellung, genauso wie der Ausstellungstitel „Life doesn’t frighten me“. Rei ist eine Frau, die in der Modebranche ziemlich mächtig ist und sich das Modehandwerk selbst erarbeitet hat. Sie produziert fair und regional. Das braucht eine klare Vision und starke Haltung. Sie sagt: „Zieh dich nicht an, um anderen zu gefallen, sondern um dir selbst!“ Das ist eine sehr starke und wichtige Botschaft – vor allem für Frauen in bestimmten Altersklassen, die oft glauben, sie müssten sich so kleiden, dass sie von anderen für attraktiv gehalten werden.

Kann diese Haltung ein Vorbild für die Modebranche sein?

Michelle: Nein! Eine Philosophie oder eine Einstellung kann nur für diejenigen ein Vorbild sein, die sich davon inspirieren lassen wollen. Es ist unmöglich, es allen recht zu machen. Ich erwarte nicht, dass jeder diese Haltung übernimmt oder damit einverstanden ist. Selbst wenn jemand völlig anderer Meinung ist, ist das großartig, denn dann ist das Gespräch bereits eröffnet. Rei weckt mit ihrem Design Neugierde. Ich denke, dass Menschen, die sie vorher nicht gekannt haben und in diese Ausstellung hineinstolpern, auf eine schöne Überraschung treffen werden. Sie können eine andere Perspektive einnehmen und auf einen offenen Austausch stoßen – und das reicht vollkommen!

Interview: Janka Burtzlaff

Life doesn’t frighten me. Michelle Elie wears Comme des Garçons Frankfurt, Museum Angewandte Kunst geplant bis 30. 8.