„Mit der Faust in die Welt schlagen“: Neonazis mit Pferdeschwanz

Wie werden junge Sachsen zu rechten Gewalttätern? Die Verfilmung holt Lukas Rietzschels Bestseller aus dem Jahr 2018 in die Gegenwart.
Lukas Rietzschels Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist 2018 kurz nach den rassistischen Ausschreitungen von Chemnitz erschienen und wurde als Schlüsselroman gefeiert, der nachvollziehbar macht, wie junge Sachsen zu rechten Gewalttätern werden. Der selbst in der Lausitz aufgewachsene Autor erzählt vom neunjährigen Tobias und dem drei Jahre älteren Bruder Philipp, und Rietzschel lässt die Geschichte an real existierenden Orten spielen, auch Heidenau und Hoyerswerda kommen vor. Hier können Sie das Interview zum Roman lesen, das kulturnews mit Lukas Rietzschel geführt hat.
Wenn die Regisseurin Constanze Klaue den Roman nun sieben Jahre nach Erscheinen für die Leinwand adaptiert, nimmt sie sich viele Freiheiten: Zeitpolitische Bezüge wie Pegida oder auch Merkels „Wir schaffen das!“ lässt sie weg, und sie zeigt auch keine Nazis, die Ausländer:innen verprügeln. Stattdessen fokussiert sich Klaue in ihrem Langfilmdebüt voll auf die Familienverhältnisse der beiden Protagonisten, um die von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und fehlender Perspektive geprägte Umbruchszeit im Osten zu zeichnen. Zugegeben, auch das ist keine nie zuvor gesehene Herangehensweise an das Thema, doch indem sie den Fokus radikal auf das kindliche Welterleben von Tobias und Philipp legt, schafft sie Bilder von seltener Eindringlichkeit: Ihr Film erzählt in Close-ups, denn alles ist noch ganz groß, auch die kleinen Dinge werden ganz intensiv wahrgenommen, und erst nach und lernen die beiden, ihre Erfahrungen in ein Bezugssystem einzuordnen.
Da steht die Schönheit und Weite der Gegend mit ihren Wäldern und gelben Rapsfeldern neben der familiären Enge. Da sind die überforderte Mutter, ein trinkender Vater und das auch nach vielen Jahren noch nicht fertiggestellte Eigenheim. Beim Bau des Hauses hilft auch der unheimliche Uwe, ein früherer Arbeitskollege des Vaters, von dem sich die Leute erzählen, dass er eine Stasi-Vergangenheit gehabt haben soll. Die Jungen wollen in das türkisblaue Wasser des Sees im alten Steinbruch springen, doch bald ist das dann auch der Ort, an dem Uwe sich das Leben genommen hat.

Oft fährt der Bus nicht, weil daheim die Toilette nicht funktioniert, müssen die Jungs immer noch das Häuschen im Garten nutzen, und immer wieder schreit Tobias, weil er spürt, dass seine Eltern nicht mehr miteinander klarkommen und die Familie zerfällt. Klar, irgendwann taucht dann Menzel auf, der Tobias und Philipp eine zwiespältige Anerkennung anbietet, doch trägt der Neonazi bei Klaue zwar Bomberjacke, aber eben nicht Glatze, sondern einen Pferdeschwanz. Im Film bleibt die Bedrohung unterschwellig, und erst ganz am Ende kommt es zur Eskalation, wenn der Film quasi im Epilog ein paar Jahre überspringt und im Jahr 2015 ankommt.