MUSIK

Mit zehn Songs durch das Musikjahr 2015 (1)

1. Die Nerven: Barfuß durch die Scherben
Beste Liveband, bestes Album, bester Song: Für mich gehört dieses Jahr in allen Belangen der Stuttgarter Gruppe Die Nerven. Klar, völlig überraschend kam das nicht, wurden sie doch schon für ihr zweites Album „Fun“ von vielen Kritikern als eine der wichtigsten deutschsprachigen Bands des Jahrzehnts gefeiert. Doch „Out“ ist noch mal ein ziemlich großer Schritt, mit dem sie die Intensität ihrer Konzerte voll und ganz im Studio einholen konnten. Auch textlich werden sie immer besser, indem sie Gegenwartsdiagnostik in dunkle Poesie überführen und überkommuniziertes Leid wieder fühlbar machen. Vielleicht beschreibt der Text von „Barfuß durch die Scherben“ ja wirklich nur die Tatsache, dass es Schlagzeuger Kevin stets gelingt, barfuß durch die Clubs zu laufen, ohne sich an den überall rumliegenden Glasscherben zu schneiden. Für mich ist es ein Bild für sehr viel mehr – auch nicht zuletzt dafür, wie das Jahr 2015 gern hätte sein dürfen.

2. Torres: Strange Hellos
Beeindruckend, wie Mackenzie Scott aka Torres beim Primavera Festival ganz allein die Bühne ausgefüllt hat. Noch beeindruckender war dann ihr Auftritt beim Reeperbahnfestival ein paar Monate später, bei dem sie ihre Band im Rücken hatte. Auf ihrem zweiten Album „Sprinter“ hat Torres mit Adrian Utley von Portishead und Mitgliedern der Band von PJ Harvey gearbeitet, um mit teils wunderbarer Aggressivität ihre Heimatstadt Nashville hinter sich zu lassen. Vor allem bei „Strange Hellos“ wird nicht nur Torres eine ganze Menge von dem Kram los, der sie innerlich kaputtmacht.

3. Tocotronic: Prolog
Gar nicht so leicht, sich für einen Song von Tocotronics rotem Album zu entscheiden. Bei ihrer vermeintlichen Eröffnung des Liebesdiskurses setzen sie auf Reduktion und fahren die Dominanz der Gitarren zurück, um sich dem Pop mit Streichern, Chorgesang und Elektronik hinzugeben. Eine durchweg gelungene Verjüngung ihres Sounds, die sie wohl nicht zuletzt Koproduzent Markus Ganther (Sizarr, Dagobert) zu verdanken haben. Und warum nicht „Ich öffne mich“, „Zucker“ oder das „Date mit Dirk“? Vermutlich einfach nur, weil „Prolog“ ganz explizit das Ereignis Liebe in eine tote Küstenstadt trägt.

4. Courtney Barnett: Pedestrian at best
Eigentlich war es gar nicht so schlimm, dass die neue PJ-Harvey-Platte nun doch nicht 2015 erschienen ist – schließlich hatte man mit dem Debüt von Courtney Barnett ein perfektes Substitut. Auf „Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit“ bringt die 27-jährige Australierin die Zerbrechlichkeit älterer Cat-Power-Songs mit Kurt Cobains Sinn für überraschende, den bisherigen Songverlauf auf den Kopf stellende Killermelodien zusammen. Dazu kommen alltagssatte, wunderbar sarkastische Texte und mit „Pedestrian at best“ der mit Abstand beste Rocksong des Jahres.

5. Sizarr: Baggage Man
Vor drei Jahren waren sie noch Teenager mit Laptops, heute stehen drei junge Herren an ihren Instrumenten auf der Bühne. Mit ihrem zweiten Album ist es Sizarr gelungen, den Hype um das Debüt „Psycho Boy Happy“ hinter sich zu lassen. Auch wenn „Nurture“ mitunter Längen hat und mich ihre Konzerte in diesem Sommer nicht immer restlos überzeugt haben, hat diese Platte ganz große Momente zu bieten, allen voran das Coming-of-Age-Epos „Baggage Man“.

6. Portico: 101
Nach der Rundumerneuerung nennt sich das Portico Quartett nur noch Portico, und es ist mir vollkommen unverständlich, warum ihr viertes Album so untergegangen ist. Schon die Gastsänger hätten eigentlich viele ins Boot holen müssen: Joe Newman von Alt-J, Jamie Woon und Jono McCleery. Zumal Portico auf „Living Fields“ nicht nur inmitten filigraner Sounds, Klavierhall und flirrender Elektronik düstere Akzente setzen, mit denen sie Radioheads Meisterwerk „Kid A“ weiterdenken – sondern eben auch so große Popmomente wie „101“ finden.

7. Ought: Beautiful blue Sky
Ich habe das Gemotze der Kollegen beim Plattenchat noch im Ohr: nöliger Gesang, keine Dramaturgie, kein Ausbruch. Doch ein Song wie „Beautiful blue Sky“ braucht ja gerade die Repetition, um seine Schönheit zu entfalten. Bei ihrem Grenzgang zwischen Joy Division und The Fall steckt die Dramturgie in den ganz feinen, aber umso wirkungsmächtigeren Nuancen. Ärgere mich, dass ich Ought bislang verpennt habe, aber mit dem zweiten Album „Sun coming down“ zählen sie jetzt zu den Lieblingsbands.

8. We Are The City: Kiss me Honey
Wenn das, was sie machen, Indierock ist, dann retten We Are The City womöglich ein (Verzeihung) Genre, das in den letzten Jahren vor allem langweilig war. Nachdem sie zum Vorgänger „Violent“ auch noch mal eben einen Spielfilm gedreht haben, ist „Above Club“ ein vermeintlich spontaner Wurf, der vor allem auf Improvisation setzt. Egal, wie viel Experimentierlust die drei Kanadier in den Details ausleben, sie kommen immer wieder bei eingängigen Popsongs an – und wenn 2015 eine Hymne braucht, dann ja wohl „Kiss me, Honey“.

9. Helena Hauff: Sworn to Secrecy Part II
Als DJ mit Residency im Hamburger Golden Pudel Club steht Helena Hauff für harten, kompromisslosen Techno. Auf ihrem Debütalbum wagt sie dagegen düsteren Pop und melancholische Melodien. Vermutlich waren es vor allem die 80er Bezüge und Erinnerungen an vermeintliche Jugendsünden wie Anne Clark, die meine Begeisterung für „Discreet Desires“ befeuert haben – und mir zudem gezeigt haben, dass es gar nicht so schlimm sein muss, eine Wave-Vergangenheit zu haben. Was genau im Video von „Sworn to Secrecy (Part II)“ vor sich geht, will ich gar nicht wissen, wichtig ist doch vor allem: Es darf dabei geraucht werden.


10. Daughter: Doing the right Thing
Ein bisschen geschummelt ist das schon, denn die zweite Daughter-Platte erscheint erst Mitte Januar. Trotzdem: Das Video zu „Doing the right Thing“ ist ja bereits dieses Jahr veröffentlicht worden – und es vermittelt einen guten Eindruck, wie großartig 2016 starten wird. Auf „Not to disappear“ rückt das Trio aus London die Gitarren und den Gesang von Elena Tonra stärker in den Vordergrund, wagt mehr elektronische Spielereien und verzweifelt weit expliziter an dem, was uns allzu oft als Normalität verkauf wird.

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