MUSIK

Mykket Morton: Mut zum Bruch

Mykket Morton Nick Mitmanski
Foto: Nick Mitmanski

Was genau hat „Cover me“ zu bedeuten? Die Mitglieder der Kasseler Band Mykket Morton sind sich da selbst nicht ganz einig. Aber das ist gar nicht schlimm, denn der Bruch ist bei ihnen Programm. Das zeigt sich im Song ganz von selbst – spätestens, wenn in der zweiten Hälfte plötzlich das deutschsprachige Popduo AB Syndrom dazukommt und den bisherigen englischen Indierock des Tracks über den Haufen wirft.

Auch das Video, das ihr weiter unten schauen könnt, fängt diese Haltung ein: Ein Trio von Menschen in den besten Jahren fährt ins Schwimmbad und feiert dort ordentlich – warum und wozu, das bleibt offen. Mykket Morton haben ihre neue Single „Cover me“ am 23. 10. veröffentlicht, sie ist ein Vorbote auf die im Januar erscheinende EP „Upside down“. Darauf hat sich die Band, wie sie selbst erzählt, ein ganzes Stück von ihrem Sound wegbewegt, der noch das Debütalbum „New World“ im Jahr 2016 dominiert hat. Oder besser: mehrere Stücke, denn um einen einheitlichen Sound ist es Mykket Morton dieses Mal nicht gegangen. Stattdessen stand die Vielseitigkeit im Fokus. „Cover me“ als Vorgeschmack macht die EP jedenfalls schon jetzt zu einem heiß erwarteten Release für 2021.

Wir haben mit der Band über ihre neue Single und das Video dazu, über Ambivalenzen und angstloses Musikmachen gesprochen.

Ihr schreibt, dass „Cover me“ für euch alle eine unterschiedliche Bedeutung hat. Könnt ihr die kurz für unsere Leser*innen zusammenfassen? Und wie habt ihr mit dieser Ambivalenz die Arbeit an dem Stück erlebt? Wie haben sich eure Visionen beim Komponieren und Texten ergänzt?

Mykket Morton: Das Schöne an dem Song ist für uns, dass man einen Moment innehalten muss, um durch die nur an der Oberfläche lebende Pop-Implikation hindurchzuschauen und das zwiespältige, vielleicht auch morbide, aber mindestens abgründige Moment des Songs wahrzunehmen. Wenn man dort erst mal angekommen ist, eröffnet sich eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, die wir ungern auf eine durch uns vorgelegte Master-Interpretation festlegen wollen. Schließlich ist das Werk ja ein Stück weit nicht mehr ganz Eigentum des Autors, sobald es in der Welt ist, sondern gleichermaßen Eigentum des Rezipienten.

„Wir waren uns sehr schnell einig“

Auf jeden Fall schafft es der Feature-Part von AB-Syndrom, diese tieferliegende Deutungsebene des Textes nochmal zu verdichten, auch durch den ästhetischen Kontrast zum Rest des Songs. Interessanterweise gab es beim Entstehungsprozess trotz des jeweils unterschiedlichen Zugangs jedes einzelnen Bandmitgliedes kaum Unstimmigkeiten – wir waren uns sehr schnell einig, was der Song sein will. Das war eine sehr schöne Erfahrung für uns.

Ihr habt euch für den Song AB Syndrom mit ins Boot geholt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, und wie hat die Zusammenarbeit ausgesehen? Hat sich „Cover me“ noch verändert, nachdem AB Syndrom dazugestoßen sind?

Mykket Morton: Wir kennen AB-Syndrom seit vielleicht einem Jahr und verfolgen seitdem ihr Schaffen mit absoluter Freude. Da AB-Syndrom ein Gesamtkunstwerk aus Sound, Text und Bild sind, waren wir uns sicher, dass, wenn sie sich bereit erklären würden, das Feature zu machen, sie künstlerisch voll einsteigen würden und den Song zu dem Kontrast verhelfen würden, den wir uns gewünscht haben. Aufgrund dieser Hingabe zum Produkt wollten wir gern mit AB Syndrom arbeiten und hatten absolutes Vertrauen, dass das Ergebnis toll werden würde.

Es war uns dabei ein Anliegen, dass wir die Ideen nicht zensieren würden, sondern letztlich das einfach umsetzen würden, was die beiden anbieten. Es stand also die Länge des Parts und die Instrumentierung, und AB Syndrom haben dem ganzen ihre eigene Ausdrucksformen geschenkt. Genauso mit dem Videopart übrigens: es war Teil des Konzeptes, dass AB Syndrom ihr eigenes kleines Video beitragen würden, das quasi unkommentiert den restlichen Teil des Videos kontrastieren sollte. Hat für unser Empfinden ganz großartig geklappt.

„Im Rahmen des Ambivalenzgedankens“

Tatsächlich ist das Feature mit AB Syndrom noch nicht die ganze Geschichte. Es gibt eine zweite Version von ,Cover Me‘ mit der Kasseler Band , Call us Janis‘ , die wir im Rahmen des Ambivalenzgedankens zeitgleich mit der anderen Version veröffentlicht haben. Diese Version hat noch nicht ganz die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient, deshalb wollen wir an dieser Stelle noch einmal darauf aufmerksam machen, dass ,Cover Me‘ tatsächlich noch etwas mehr ist als dieser eine Song.

Was hat es mit dem Video auf sich? Geht es für euch da um Hedonismus, Angst vor dem Altwerden, oder um etwas ganz anderes?

Mykket Morton: Das Video macht keine Deutungsvorgabe; das ist zugegebenermaßen etwas schwer auszuhalten, aber Programm. Wer „Die Sopranos“ gesehen hat, eine der ersten preisgekrönten HBO Serien, wird sich möglicherweise erinnern, dass ein Element der Qualität dieser Serie war, dass es keine Filmmusik gab, die einem vorgeschrieben hat, welche Szene man wie zu interpretieren hat. Das hat die Vielschichtigkeit und die Deutungsoffenheit der Wirklichkeit schön abgebildet und war eine große Qualität der Serie.

„Man muss es aushalten“

Diese Deutungsoffenheit soll auch das Video transportieren. Die Szenerie ist bewusst polarisierend und von Brüchen durchzogen. Sympathisieren wir mit den Figuren? Finden wir sie lustig? Sind sie dekadent und abstoßend? Wir werden es euch nicht sagen. Heutzutage gibt es sowieso zu viele Menschen, die anderen Menschen sagen wollen, wie sie etwas zu finden haben. Dieses Video sagt einem nicht, wie man es zu finden hat; man muss es aushalten.

Mit „Cover me“ steckt ihr auch in den Startlöchern für eure zweite EP, die 2021 erscheinen soll. Steht der Song exemplarisch für das, was noch kommt?

Mykket Morton: Für unser Empfinden sind die Songs der EP sehr verschieden voneinander, aber man merkt ihnen an, dass sie aus einer kompakten kreativen Phase stammen. „Cover Me“ ist deshalb ein guter Stellvertreter der Platte, weil es zeigt, dass wir keine Angst vor neuen Sounds und neuen Ideen hatten. Wir haben es quasi zu unserem Mantra gemacht, keine ästhetische Entscheidung zu fällen, die aus Angst davor motiviert ist, sich zu weit von dem zu entfernen, was wir bis dato waren. Das hat definitiv kreatives Potenzial entfesselt und zu sechs unterschiedlichen Songs geführt, die alle die Lust am Beschreiten neuer musikalischer Wege ausdrücken. Daraus folgt aber auch, dass der Rest der Platte definitiv anders klingt als „Cover Me“. Wir glauben, dass die restliche Platte überraschen wird, und wir hoffen, dass es eine schöne Überraschung sein wird.

Interview: Jonah Lara