Neues aus Idaho: Jörg Tresp auf dem Treefort Festival 2026
Jörg Tresp, Chef von DevilDuck Records, war auf seinem Lieblingsfestival in Idaho – und hat die großen Bands von morgen gesehen.
Zum vierten Mal habe ich mein neues Lieblingsfestival Treefort in Boise (Idaho) besucht, und es hat mich auch diesmal nicht enttäuscht. Das liegt natürlich zum einen am Booking, das abwechslungsreich und mit viel Liebe daherkommt, auf neue Acts setzt, aber auch ein paar arriviertere am Start hat. Trotzdem liegt ein Fokus auf lokalen Bands, von denen die bekannteste natürlich jedes Jahr spielt und auf den Namen Built To Spill hört. Zum anderen liegt es aber an der tollen Atmosphäre, die die ganze Stadt über die fünf Tage lebt und ausstrahlt, wobei es natürlich hilft, dass alle Klubs und die Parkbühnen nicht mehr als 20 Gehminuten voneinander entfernt liegen – und dass von jung bis alt (also ich) alles am Start ist und das Programm gemeinsam genießt, was schon ein großer Unterschied zu deutschen Festivals ist.
Tag 1: Hype für Geese, Liebe für The Macks
Eröffnet wurde das Festival in der Treefort Music Hall von dem grandiosen Psych-Rock-Trio Floating Witch’s Head, bei dem der Festival-Booker Eric Gilbert übrigens die Orgel bedient und die natürlich auch jedes Jahr spielen. Als Headliner auf der Hauptbühne, die neben zwei weiteren Bühnen im Julia Davis Park in schönster Umgebung steht, fungierten u.a. Geese, Father John Misty und Flipturn. Auf keine dieser Bands möchte ich hier näher eingehen, da die ja auch bei uns bekannt sind und spielen, aber natürlich solide Sets ablieferten. Das gilt was vor allem für Geese, die ja eh in aller Indie-Munde sind, auch wenn ich persönlich noch immer nicht viel mit ihnen anfangen kann. Ihre Show war das vollste Konzert des Festivals, und ich denke, dass sie noch eine ganze Weile den Indie-Hype-Zug fahren werden.

The Thing, eine Retro-Rock-Band aus New York, die sehr nach L.A. klingt, stand für den ersten Tag auf meiner Liste und auf der Bühne von Boise Brewing. Dort spielten sie ein ebenso überzeugendes Set wie ihre Kumpels The Macks aus Portland, die ja auf meinem Label DevilDuck sind. Natürlich gingen die um 00:50 Uhr nachts auf die Bühne – genau meine Zeit – und zerlegten das Shrine Basement. Sie sind im fünften Jahr am Stück beim Treefort und haben schon fast alle Venues in Boise gespielt. Zwischendurch habe ich mir dann noch Drug Church gegeben und war auch irgendwie in der Stimmung für ein bisschen heavy – aber irgendwie sind sie mir manches Mal zu stereotyp, was sowohl für die Songs als auch die Attitüde des Sängers gilt.
Tag 2: Ein Hoch auf Songwriterinnen
Der zweite Tag begann für mich mit Runo Plum (nur so ok), Jesse Blake Rundle (eher langweilig) und Blondshell auf der Hauptbühne. Die spielte schon ein gutes Set, auch wenn es mir immer einen Tick zu poppig klingt und man merkt, dass ihr Publikum Stück für Stück größer wird. Überhaupt lag einer meiner Schwerpunkte in diesem Jahr bei Singer/Songwriterinnen, die etwas abseits des Indie-Pops zuhause sind. So gab ich mir Cat Clyde, die gerade ein neues Album namens „Mud Blood Bone“ veröffentlicht hat und damit auch bei uns auf Tour ist bzw. schon war. Ihre Ausstrahlung und Bühnenroutine ist wirklich richtig gut geworden, und so konnten sowohl die alten Hits wie „Mama said“ als auch die Songs des neuen Albums wie „Man’s World“ und „Wild One“ überzeugen.
Im Anschluss ging es dann zu Lily Seabird ins The Olympic, und da ich sie noch nicht live gesehen hatte, war ich sehr überrascht, wie rockig ihr Set war und wie wenig es zum Teil mit ihrem doch eher folkigen Album „Trash Mountain“ zu tun hatte. Aber das tat dem grandiosen Auftritt nur gut, und die Band hatte auch sichtlich Spaß – ich habe sie mir am nächsten Tag dann gleich noch mal angeschaut, denn einige Acts spielen mehr als ein Set, was natürlich auch schön ist. Sword II waren dagegen eine einzige Enttäuschung: Sie wollten irgendwie cool sein, aber mit dieser Attitüde passten sie so gar nicht zum Treefort, auch wenn sie durchaus ein, zwei gute Songs haben. Ein weiteres Highlight des Tages waren dann The Sophs, deren Debüt ich sehr mag, und auch live habe ich das Sextett ins Herz geschlossen.
Tag 3: Tränen für Merce Lemon
Am dritten Tag habe ich mir dann erstmal zwei Panels reingezogen, denn es gibt beim Treefort auch ein winziges Konferenz-Programm, das ganz gut gemacht, aber nicht so wirklich der Rede wert ist – zum Glück!
Forty Feet Tall, auch aus Portland und Freunde von The Macks, waren dann meine erste Band des Tages und hatten mich schon öfter überzeugt, aber mit Mittagssonne und Bierchen fand ich sie noch besser. Ihr neues Album wird in ein paar Monaten erscheinen. Meine Lokalband des Tages waren Brand New Companion, die mich ein bisschen an Good Looks (aus Austin) erinnern, und auch wenn sie nicht ganz so starke Songs haben und sich den Gesang zu dritt teilen, so sollten wir sie im Americana-Rock-Auge behalten – natürlich sind sie noch nicht die neuen Crosby, Stills, Nash & Young …
Ein paar durchschnittliche Sachen wie Dan English, White Hot Velvet und Fust seien hier nur kurz erwähnt, ebenso wie die Iren von Chalk, die ich live absolut grausam finde und die mir den Abschluss des Tages etwas versaut haben. Davor aber gab es ja noch die großartig-schüchterne Merce Lemon, deren Debütalbum 2024 zu meinen Alben des Jahres zählte. Sie hatte eine wirklich gute, intime Band um sich geschart, und ich kann sie mir ob ihrer Zerbrechlichkeit auch einfach nicht solo vorstellen. Ihr Konzert war einer dieser berühmten Gänsehautmomente, wo ich Tränen in den Augen hatte, da ihre Songs so gut zu ihrer melancholischen Ausstrahlung passen. Leider wird sie erst mit einem neuen Album wieder zu uns auf Tour kommen.
Tag 4: Sekten-Show mit Saintseneca
Der vierte Tag begann mit Moon Owl’s Mages aus Boise, die zwar noch recht jung sind, die ich mir aber jedes meiner vier Jahre dort angeschaut habe. Irgendwie möchte ich sie mögen, aber es gelingt mir nicht so recht, und so kann ich zumindest hier die Euphorie des Veranstalters nicht so ganz nachvollziehen. Eine recht gehypte Band namens Piss aus Kanada konnte ich mir dann im total vollen Neurolux, vielleicht die beste Rock-Venue in der Stadt, anschauen – und fand es mega-mies. Aber Geschmäcker sind ja verschieden: Eine Bekannte von Sub Pop meinte zu mir, dass sie es super fand, da sie die Mischung aus Spoken Word und Geschrei einfach sehr intensiv findet – mich nimmt das nur so gar nicht mit.
Viel mehr Spaß hatte ich, wie im letzten Jahr, bei Bull Market im Shredder (die Venue für die düsteren Indie-Kids), auch wenn Sänger Phil Griffin sein weißes Hemd und die Anzugshose vergessen hatte und somit nur in Unterhose und Krawatte auftrat. Die Band aus Billings (Montana) nimmt einfach jede Venue auseinander, und der Moshpit suchte seinesgleichen. Sie haben im letzten Jahr ihr neues Album „The Nature of Business“ veröffentlicht – ich fürchte allerdings, dass wir die Band leider nie bei uns sehen werden …
Danach dann ein weiterer Höhepunkt, wenn auch ganz anders, denn Saintseneca haben die Menschen mit ihrem neuen Album zum Leuchten gebracht. Das Quartett, das gerade mit Gladie auf Tour ist, schuf wieder mal eine ganze eigene, intime Atmosphäre. Ich fühlte mich fast wie in einer Sekte, was hier ausnahmsweise sehr positiv gemeint ist Sie haben einfach etwas sehr Eigenes und Spezielles, was ich sehr liebe. Zum Abschluss dann noch ein bisschen Singer/Songwriter im Pengilly’s Saloon mit Matt Mitchell (Seattle), bei dem Pärchen-Tanzen angesagt war und den ich mal versuchen werde, nach Hamburg zu holen, sowie Bob Sumner (Vancouver), der sein Dark-Country perfektioniert hat und auch bei uns zeitnah zu sehen sein wird.
Tag 5: Auch Jack White kann sich irren
Der fünfte und letzte Tag begann dann recht entspannt mit Plattenladen-Besuch bei The Record Exchange, einem der wirklich guten Läden, und ein paar Bands im Park, die hier nicht wirklich der Rede wert sind. Zumindest will ich The Belair Lip Bombs aus Australien erwähnen, die bei meinem Helden Jack White auf dem Label sind und zeigen, dass sein Geschmack neuer Bands nicht so richtig toll ist.
Aber dann kamen meine tollsten beiden Shows des Tages, denn zum einen hat Kevin Devine solo im Shrine Basement mich und andere in seinen Bann gezogen. Ich habe ihm hinterher zur Show gratuliert und gesagt, dass es mal wieder Zeit für Deutschland-Tour ist – er meinte, dass das auch geplant ist und ich ihm sehr bekannt vorkomme …
Gleich danach kamen dann meine Lieblinge von Buckets, die ich schon öfter in Austin (SXSW), Seattle und eben beim Treefort gesehen hatte. Sie haben einfach große Melodien, unglaublichen Charme und eine Energie, die so ansteckend ist, dass ich mit meiner Festival-Partnerin das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht bekam. Wir haben sogar noch einen neuen Drink parallel dazu entdeckt: Ginger Beer mit Tequila – eine wahre Freude und ein grandioser Abschluss. Natürlich haben Built To Spill das diesjährige Treefort dann noch mal gebührend abgeschlossen. Chapeau!