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Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka)

Im Grunde ist das ja gar nicht so originell. Zeitgeschichte als Familiengeschichte, das findet man häufiger in der Literatur, mal besser gelöst, mal in der Konvention gefangen. Und ein Roman ist auch nicht zwangsweise gelungen, wenn er besonders umfangreich ist. Und doch: Nino Haratischwilis „Das achte Leben (für Brilka)“ ist ein Meisterwerk, das die Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert (und an dessen Rändern) als Geschichte der Familie Jaschi erzählt, die im Kaukasus eine Schokoladenfabrik betreibt. Zarenreich, Weltkriege, Stalinismus, georgischer Nationalismus – alles da, auf knapp 1300 Seiten.

Über vier Generationen geht diese Geschichte, die in Form von Erinnerungsfetzen, Briefen, Nachlässen erzählt wird, und sie langweilt nie, besser noch: Selbst die abstrusesten Wendungen werden von Haratischwili mit Ironie, Einfühlung, Detailgenauigkeit und vor allem einer gehörigen Portion Chuzpe glaubhaft gemacht. Und wo die Handlung wirklich nicht mehr tragen will, hilft eine Schreibhaltung, die zwar dem magischen Realismus verwandt sein mag, hier aber eher als erotische Kulinarik daherkommt: Das Schmiermittel des Romans ist heiße Schokolade nach Familienrezept, die zwar einerseits die Grauen des Jahrhunderts lindert, andererseits aber langfristig immer tiefer ins Verderben führt. Eine Droge, ohne die sich die furchtbare Realität nicht durchstehen ließe. „Das achte Leben“ ist überbordend, fabulierend, schmerzhaft realistisch und heillos verlogen, ein Roman, so schön, dass man ihn kaum aushalten kann. (fis)

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