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Nis-Momme Stockmann – Der Fuchs

Ignorieren wir zunächst einfach mal den ganzen Wahnsinn der 719 Seiten drumherum und konzentrieren uns auf Seite 336 von „Der Fuchs“, denn da liefert der Dramatiker Nis-Momme Stockmann in seinem Romandebüt mal eben die bislang vielleicht zutreffendste, zumindest aber eine sehr schöne Definition für „Pop“: „Pop ist nur ein anderes Wort für das Verheilen von Wunden. Oder eher: Für das Gar-nicht-erst-Zustandekommen von Wunden, durch das Überstreifen von Schonern aller Art. Oder durch das Überhaupt-nicht-erst-in-gefährliche-Situationen-Treten. Das Tempolimit auf der Autobahn ist genauso Pop wie das Rasen im total sicheren Auto. Sich bei Liebeskummer einen Liter Speiseeis zu kaufen statt sich die Adern in der Badewanne zu öffnen: Pop. Nicht, dass es ohne diese Dinge eine schlechtere Welt wäre. Nein, aber vielleicht eine, in der man heftiger, ehrlicher, sinnvoller leben könnte.“

Wendet man diese Definition nun auf Stockmanns Roman an, kann man zumindest sagen, was „Der Fuchs“ ganz sicher nicht ist: Popliteratur. Ansonsten aber so ziemlich alles, und auch wenn das mitunter kaum auszuhalten ist, mündet es doch nicht in ein gigantisches Alles-und-zugleich-Nichts, denn Stockmann ist in seinem Größenwahn sehr gut sortiert. So fügt sein Roman den jüngsten apokalyptischen Großtaten von Autoren wie Jan Brandt oder Heinz Helle eine weitere hinzu: Der Plot setzt mit einer gewaltigen Flutkatastrophe ein, die das norddeutsche Küstenkaff Thule heimsucht. Zu den wenigen Überlebenden zählt der Protagonist Finn Schliemann, und während er auf dem Dach eines Hauses die vielen Leichen und die Überreste seiner Heimat vorbeitreiben sieht, erinnert er sich an folgenreiche Ereignisse aus seiner Kindheit. Als Zehnjähriger war er Teil einer Außenseitergruppe, von der Stockmann mit einer Zärtlichkeit erzählt, die an Stephen Kings „Stand by me“ erinnert – nur dass seine Jungs keine Leiche, sondern lediglich einen abgetrennten Arm finden. Schon taucht auch die geheimnisvolle Katja auf, der Finn mitsamt ihrer Verschwörungstheorie verfällt. Zersägte Kinderleichen sorgen für Splatter, und mythisch wird es nach mehreren hundert Seiten mit dem altorientalischen Gott Abzu auch. Lässt man mal den Pageturner-Kram außen vor, ist „Der Fuchs“ der Beweis, dass das Coming-of-Age-Genre immer noch nicht auserzählt ist, und doch sind am nachhaltigsten wohl die essayisten Einschübe, bei denen sich Stockmann natürlich auch ironische Brechungen gönnt.

Ignorieren wir also den ganzen Wahnsinn drumherum und lesen auf Seite 425 über „Subversivität“: „Man kann eine Partei gründen, die sich gegen demokratische Wahlen ausspricht, und Wahlkampf machen. Ha! Die einzige Möglichkeit, die bliebe, um außerhalb des Systems zu agieren, wäre, die Wahllokale zu vernichten und das Parlament und alle, die wählen und jede Erinnerung daran.“ cs

Nis-Momme Stockmann Der Fuchs
Rowohlt, 2016, 720 S.; 24,95 Euro

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