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Nora Bossong: 36,9°

1937 stirbt der italienische Philosoph Antonio Gramsci nach einer faschistischen Gefängnisstrafe unter menschenunwürdigen Bedingungen. Während der knapp neunjährigen Haft hatte Gramsci die sogenannten „Gefängnishefte“ verfasst: eine marxistische Philosophie, die heute als Grundstock des Eurokommunismus gilt, der sich unabhängig vom sowjetischen Weg entwickeln sollte. Nora Bossongs „36,9°“ porträtiert einen runtergekommenen Mittelbau-Wissenschaftler, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein verschollenes „Gefängnisheft“ zu rekonstruieren. Geschickt springt Bossong zwischen 1920ern und 2010ern, das klingt bildungsbürgerlich, entwickelt allerdings eine suggestive Kraft, die einem Gramscis Denken tatsächlich nahe bringt – hier wird „36,9°“ fast zum historischen Wissenschaftsroman. Der freilich verliert, wo es in die Gegenwart geht: Die Universität als verlotterter Haufen, der Philosoph als misogyner Schürzenjäger, das sind Klischees, die dem klugen Ansatz des Romans nicht gerecht werden.

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