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Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

In seinem Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ bezwingt US-Autor Ocean Vuong den Schmerz mit der Schönheit seiner Sprache.

Ocean Vuong veröffentlicht mit „Auf Erden sind wir kurz grandios“ einen sensationellen Debütroman

Der 1988 als Vinh Quoc Vuong in Saigon geborene Ocean Vuong hat einen Brief geschrieben. Adressiert ist er an seine Mutter, an deren Seite er als Zweijähriger über ein Flüchtlingscamp auf den Philippinen in die USA gekommen ist und die nicht lesen kann. Vuong nutzt ihren Analphabetismus als Schutzraum. Der an sich selbst verzweifelnde und an der Welt zerbrechende Sohn versucht sich für die Mutter zusammenzusetzen, die ihn geschlagen hat, weil sie die Versehrungen des Krieges nie überwunden hat, die bis zur Erschöpfung in einem Nagelstudio gearbeitet hat, um die Familie durchzubringen, und die ihn in den USA immer wieder diesen einen Satz eingebläut hat: „Fall nicht auf, du bist schon vietnamesisch.“

  • Ma. Du hast mir einmal gesagt, dass Erinnerung eine Entscheidung ist. Aber wenn du Gott wärst, wüsstest du, es ist eine Flut.

Wie schon in dem gefeierten Gedichtband „Night Sky with Exit Wounds“ geht Vuong auch in seinem autobiografischen Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ zwei Generationen zurück, um sich selbst zu fassen. Erinnerungen an rassistische Demütigungen und die Einsamkeit in der amerikanischen Provinz sind durchsetzt mit den Kriegserinnerungen der schizophrenen Großmutter. Als der Ich-Erzähler beim Jobben auf einer Tabakplantage den amerikanischen Jungen Trevor kennenlernt, spürt er sich zum ersten Mal selbst – und muss gleichzeitig klarkriegen, dass auch diese erste Liebe gegen das oberste Gebot der Mutter verstößt.

  • Und was macht man mit einem solchen Jungen außer sich selbst zu einem Eingang, einem Ort, durch den er immer wieder hindurchgehen kann und dabei jedes Mal denselben Raum betritt? Ja, ich wollte es ganz. Ich drückte mein Gesicht in ihn wie in ein Klima, das Tagebuch einer Jahreszeit. Bis ich betäubt war.

Sex im Trailerpark bringt Linderung, doch der Ich-Erzähler verliert Trevor an eine Überdosis, und am Ende ist es wohl vor allem die Sprache, die ihn rettet: Er verlässt Hartford in Connecticut für ein Literaturstudium in New York. In „Auf Erden sind wir kurz grandios“ kehrt Vuong mit einem Text zurück, dessen rohe Schönheit im Sich-Verlieren liegt: Vuong kann die Erinnerungen nicht ertragen und will ihrer doch habhaft werden, immer wieder unterbricht er sich, um etwa in poetische Sprachbilder abzuschweifen oder Roland Barthes aufzugreifen, anzuzweifeln und weiterzudenken. Hier geht ein gerade mal 30-jähriger, queerer Autor an die Grenzen der Sprache, und was er selbst als Scheitern wahrnimmt, ist vermutlich genau das, was wir heute nur meinen können, wenn wir von Identitätsfindung sprechen: radikale Zersplitterung.

  • Das Problem ist, ich will nicht, dass mir meine Traurigkeit genommen wird, ebenso wenig, wie ich will, dass mein Glück mir genommen wird. Sie gehören beide mir. Ich habe sie verdammt noch mal ins Leben gebracht. Was wäre, wenn die Hochstimmung, die ich verspüre, nicht eine weitere „biploare Episode“ ist, sondern etwas, für das ich hart gekämpft habe?

 

 

Zitate aus:

Ocean Vuong Auf Erden sind wir kurz grandios

Hanser, 2019, 240 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Anne-Kristin Mittag

 

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LESEREISE

17. 9. Hamburg | 18. + 19. 9. Berlin

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