FILM

Oscars 2021: Nominierungen und unsere Favorit*innen

Große Erfolgschancen bei den Oscars: Das Drama „Nomadland“
Chloé Zhaos Drama „Nomadland“ mit Frances McDormand ist in gleich sechs Kategorien nominiert – und ein Favorit für den besten Film.Foto: Disney

In der Nacht von Sonntag auf Montag verleiht die Academy of Motion Picture Arts and Sciences zum 93. Mal die Oscars. Die Spannung ist groß, immerhin war die Wartezeit durch die Pandemie zwei Monate länger als sonst. Wer mag, kann die Zeremonie im Livestream verfolgen, etwa bei Pro 7 – muss dafür allerdings ziemlich lange aufbleiben. Einiges ist anders im Jahr 2021. Zum Beispiel dürfen erstmals auch Produkte von Streaming-Plattformen wie Netflix am Wettbewerb teilnehmen. Eine gute Nachricht: Die Liste mit Nominierten ist für Academy-Verhältnisse ziemlich divers. So könnte Chloé Zhao als zweite Frau überhaupt einen Oscar für die beste Regie gewinnen, und Riz Ahmed ist als erster Muslim für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert.

Aber wie stehen eigentlich die Gewinnchancen? Wer hat welchen Preis schon fast im Sack, und welcher Film braucht ein Wunder, um zu gewinnen? Wir haben die Favorit*innen in sechs wichtigen Oscar-Kategorien aufgelistet – und unsere eigenen Wünsche gleich mit.

 

Bester Film

Die Nominierten

  • „The Father“, Regie: Florian Zeller
  • „Judas and the Black Messiah“, Regie: Shaka King
  • „Mank“, Regie: David Fincher
  • „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“, Regie: Lee Isaac Chung
  • „Nomadland“, Regie: Chloé Zhao
  • „Promising Young Woman“, Regie: Emerald Fennell
  • „Sound of Metal“, Regie: Darius Marder
  • „The Trial of the Chicago 7“, Regie: Aaron Sorkin

Favorit

Schaut man sich andere wichtige Preise an, scheint „Nomadland“ der Sieg ziemlich sicher. Schon bei den Golden Globes, den britischen BAFTAs, den Preisen der Producer’s Guild und der Director’s Guild of America konnte Chloé Zhaos Drama mit Frances McDormand in der Hauptrolle punkten. Allerdings lehrt die Geschichte, dass es nicht immer so einfach ist: In den letzten Jahren haben etwa „La La Land“ und später „1917“ all diese Preise gewonnen, um dann bei den Oscars doch leer auszugehen – „La La Land“ hat gegen „Moonlight“ verloren, „1917“ gegen den letztjährigen Gewinner „Parasite“. Ein Problem für deutsche Filmfans: „Nomadland“ wartet noch immer auf einen Kinostart.

Unser Favorit

Natürlich wären wir absolut einverstanden damit, wenn „Nomadland“ auch noch diese Hürde schafft. Aber Lee Isaac Chungs „Minari“ nimmt einen ganz besonderen Platz in unserem Herzen ein. Die zurückhaltend erzählte Geschichte einer koreanischen Familie, die in den USA der 80er-Jahre versucht, eine Farm zu gründen, funktioniert einfach auf jeder Ebene. Er zeigt uns ein extrem spezifisches Ereignis, aus dem sich allerdings endlos viele Wahrheiten über Migration, Familie, Kapitalismus und den amerikanischen Traum ableiten lassen. Aus dem Grund hat der Film allerdings auch insgesamt sechs Nominierungen – genau so viele wie „Nomadland“. Wenn es mit dem besten Film nicht klappt, kann „Minari“ also möglicherweise woanders punkten.

 

Beste Regie

Die Nominierten

  • Lee Isaac Chung, „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“
  • Emerald Fennell, „Promising Young Woman“
  • David Fincher, „Mank“
  • Thomas Vinterberg, „Der Rausch“
  • Chloé Zhao, „Nomadland“

Favoritin

Hat irgendwer was anderes erwartet? Auch hier rechnen Journalist*innen „Nomadland“ und seiner Regisseurin Chloé Zhao die besten Chancen aus. Und es wäre natürlich großartig: Zhao wäre nach Kathryn Bigelow, die die Trophäe 2009 für „The Hurt Locker“ gewonnen hat, erst die zweite Frau überhaupt, die den Oscar für die beste Regie erhält! Es ist also höchste Zeit, und zumindest David Fincher hat schon mehr als genug Pokale im Regal stehen. Dass Zhao keine Amerikanerin ist, sondern in Beijing geboren wurde, macht die ganze Sache noch spannender. Auch letztes Jahr konnte schließlich mit Bong Joon-Ho ein Regisseur abräumen, der nicht aus den USA stammt. Und jedes Zeichen, dass die Akademie immer internationaler denkt, ist uns willkommen. Allerdings müssen wir dabei natürlich auch wieder daran denken, dass bis heute keine*e Schwarze*r Regisseur*in einen Oscar gewonnen hat. Auch dieses Mal sind keine nominiert. 

Unser*e Favorit*in

Wenn „Nomadland“ wirklich den Award für den besten Film einsacken sollte, hoffen wir, dass Lee Isaac Chung dafür wenigstens zum besten Regisseur gekürt wird – und umgekehrt natürlich. Aber darüber hinaus würden wir den Preis auch Thomas Vinterberg von Herzen gönnen. Der dänische Regisseur hat mit „Der Rausch“ einen Film gedreht, in dem die Regie die meiste Zeit unsichtbar bleibt, und sich ganz in den Dienst der Geschichte und der vier Hauptdarsteller stellt. Auch das ist eine Kunst, die es verdient hätte, anerkannt zu werden. Außerdem hat Vinterberg uns erst kürzlich in einem Interview verraten, wie viel ihm die Nominierung bedeutet – mehr zumindest als die für den besten fremdsprachigen Film, die „Der Rausch“ auch noch gewinnen könnte. Wir drücken die Daumen!

 

Beste Hauptdarstellerin

Die Nominierten

  • Viola Davis, „Ma Rainey’s Black Bottom“
  • Andra Day, „The United States vs. Billie Holiday“
  • Vanessa Kirby, „Pieces of a Woman“
  • Frances McDormand, „Nomadland“
  • Carey Mulligan, „Promising Young Woman“

Favoritin

Vanessa Kirby gilt mit ihrer Darstellung einer Mutter, die in „Pieces of a Woman“ kurz nach der Geburt ihr Baby verliert, für viele als Favoritin. Ganz so eindeutig sind die Stimmen dazu jedoch nicht, denn Kirby ist nicht die einzige am Favoritinnenhimmel. Mit Schauspielerin Viola Davis liefert sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Davis, die 2017 für ihre Nebenrolle in „Fences“ einen Oscar erhielt, spielt in „Ma Rainey’s Black Bottom“ die afroamerikanische Bluessängerin Gertrude „Ma“ Rainey im Chicago der 1920er-Jahre. Ginge es um reine Statistiken, sehen viele Stimmen Davis als Favoritin. Das entspräche zudem dem Ziel der Oscars, diverser zu werden und der Kritik der vergangenen Jahre, zu wenig schwarze Nominierte aufzustellen, entgegenzuwirken. Unabhängig von den beiden Wunsch-Favoritinnen Kirby und Davis sehen einige ebenfalls gute Chancen für die bereits zweifache Oscar-Preisträgerin Frances McDormand für ihre Rolle in „Nomadland“. Hinzu kommt die Annahme, dass Nominierte vor allem auch dann positive Prognosen erhalten, wenn der jeweilige Film bereits gute Aussichten auf den Oscar erhält – insofern sieht es für McDormand sehr vielversprechend aus.

Unsere Favoritin

Wenn sich schon sämtliche Oscar-Expert*innen nicht einig über den Favoritinnen-Status der Nominierten sind, zeigt sich: es ist ganz schön verzwickt! Und da wir ja gerne Dinge erleben, die einfach mal richtig cool wären, entscheiden wir uns für Andra Day als unsere Favoritin. Warum? Day repräsentiert in ihrer Filmrolle als Billie Holiday nicht nur People of Color, sondern würde als Soul- und R&B-Sängerin auch gleich den wohl wichtigsten Filmpreis abräumen. Noch dazu hat die Künstlerin hier ihr Spielfilmdebüt abgelegt und logischerweise bislang weder einen Oscar bekommen, noch eine Nominierung für den Academy Award erhalten. Das hat Vanessa Kirby zwar auch nicht, jedoch ist sie dafür mit ihren 33 Jahren auch noch das Küken unter den Nominierten mit viel Aussicht auf Erfolg. Inhaltlich gesehen wäre ihre Filmrolle natürlich ein wichtiges Signal, auf die sensible Thematik aufmerksam zu machen. 

 

Beste Nebendarstellerin

Die Nominierten

  • Maria Bakalova, „Borat 2“
  • Glenn Close, „Hillbilly Elegy“
  • Olivia Colman, „The Father“
  • Amanda Seyfried, „Mank“
  • Yuh-Jung Youn, „Minari“

Favoritin

Hier sieht alles wieder ganz anders aus: Im Gegensatz zu den Nominierten für die Beste Hauptdarstellerin herrscht bei den Prognosen für die Beste Nebendarstellerin eine überwiegende Mehrheit, gerade zu Einstimmigkeit. Klare Favoritin ist Yuh-Jung Youn für ihre Rolle in „Minari“. Und damit bestätigt die südkoreanische Schauspielerin ebenfalls den Zuspruch für unseren Favoriten für den Besten Film. Die 73-Jährige hat mit ihrer Nebenrolle in dem semi-autobiografischen Film von Lee Isaac Chung über eine koreanische Einwandererfamilie nicht nur ein politisch und global wichtiges Thema getroffen, sondern auch die größten Chancen auf den Oscar.

Unsere Favoritin

Bislang am häufigsten für einen Oscar nominiert war Glenn Close. Allein schon aus diesem Grund wäre es der 74-Jährigen allemal zu gönnen, dieses Jahr einen Sieg davonzutragen. Auch Maria Bakalovas Engagment als Borats Filmtochter in „Borat 2“ spricht von Mut und verdient viel Respekt. Dennoch schließen wir uns in diesem Fall der Top-Favoritin an und entscheiden uns für Yuh-Jung Youn. Mit ihrer Rolle lenkt sie den Blick auf eine gesellschaftliche Bedeutung, die über den eigenen Tellerrand hinaus geht. Und so etwas sollte in jedem Fall honoriert werden.

 

Bester Hauptdarsteller

Die Nominierten

  • Anthony Hopkins: The Father
  • Steven Yeun: Minari – Wo wir Wurzeln schlagen
  • Chadwick Boseman: Ma Rainey’s Black Bottom
  • Gary Oldman: Mank
  • Riz Ahmed: Sound of Metal

Favorit

Hier fällt die Entscheidung schwer: Neben den zwei Altgardisten Hopkins und Oldman sind auch die anderen Nominierten, obgleich jünger, nicht auszuzählen. Hätte Oldman nicht unlängst seinen längst überfälligen Oscar für die Rolle des Winston Churchill in „Darkest Hour“ bekommen, wäre er unser Favorit. So aber wäre sein Sieg ein halber Repeat – zumal er als „Citizen Kane“-Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz erneut in einer quasi-historischen Rolle zu sehen ist. Am wahrscheinlichsten ist daher ein Sieg für Chadwick Boseman, der posthum für seine Rolle des Trompeters Levee Green in „Ma Rainey’s Black Bottom“ bereits einen Golden Globe erhalten hat. Nicht nur, dass er in dem Film glänzt – die diesjährigen Oscars sind auch die ersten, die seit dem viel zu frühen Tod des Schauspielers im August stattfinden.

Unser Favorit

Einen Sieg von Chadwick Boseman würden wir begrüßen – aber auch Steven Yeuns Performance in „Minari“ und Riz Ahmeds tauber Metaldrummer haben es uns angetan. Wir feiern daher erstmal die verhältnismäßig diverse Liste der Nominierungen und geben unseren Lieblingstitel dann schweren Herzens an Riz Ahmed. „Minari“ wird wahrscheinlich noch weitere Preise abgreifen, und Chadwick Boseman ist bereits bei den Golden Globes als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet worden. Und überhaupt ist „Sound of Metal“ stillschweigend eine Story, wie die Academy sie liebt: Ein Kunstschaffender, der mit den Widrigkeiten des Schicksals zu kämpfen hat. Solche Rollen favorisiert die Academy oft gerade in der Kategorie der Hauptdarsteller*innen. Spielte Riz Ahmed statt eines Metaldrummers einen Orchestermusiker – der Sieg wäre ihm gewiss.

 

Bester Nebendarsteller

Die Nominierten

  • Sacha Baron Cohen: The Trial of the Chicago 7
  • Lakeith Stanfield: Judas and the Black Messiah
  • Daniel Kaluuya: Judas and the Black Messiah
  • Paul Raci: The Sound of Metal
  • Leslie Odom Jr.: One Night in Miami

Favorit

Warum Daniel Kaluuya unter „Bester Nebendarsteller“ firmiert und nicht eigens als Hauptdarsteller für seine Rolle als Fred Hampton nominiert ist, wissen wir nicht. Dass „Judas and the Black Messiah“, sonst nur in der Kategorie „Beste Regie“ nominiert, den Preis für den besten Nebendarsteller gewinnt, steht allerdings außer Frage. Das Drama ist wichtig, die Kritik liebt den Film, aber die Story der unrechtmäßigen Ermordung eines politischen Aktivisten seitens des FBI deutlich zu brisant für die Academy, weshalb ein Sieg für die beste Regie eher unwahrscheinlich wirkt. Unser – leider sehr zynischer – Take deshalb: Die Academy ehrt den Film mit einer Würdigung von Daniel Kaluuya. So positionieren sie sich zu dem Film, allerdings steht so eher die schauspielerische Leistung im Vordergrund, und nicht die Story. 

Unser Favorit

Auch wir wollen sehen, dass Daniel Kaluuya den Preis gewinnt. Allerdings hätten wir ihn lieber in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ nominiert gesehen. Vielleicht anstelle von Anthony Hopkins? Sorry, Sir Anthony, aber eine Oscar-Nominierung mehr oder weniger fällt bestimmt nicht ins Gewicht. So, wie die Nominierungen verteilt sind, haben allerdings auch wir ein Gutes von den Umständen: Die Entscheidung unseres Favoriten unter den besten Nebendarstellern fällt wesentlich leichter aus.

Janka Burtzlaff, Matthias Jordan, Jonah Lara

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