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Peter Meroth: „Alle relevanten Systeme laufen“

Peter Meroth
Peter Meroth

„Warum soll ich aus dem Koma erwachen? Es ist wohlig hier, warm und weich. Jemand prüft, ob meine Sauerstoffmaske drückt. Bestimmt ist es Cindy. Ich habe noch gesehen, wie sie eine neue Infusion anhängte, bevor ich wegdämmerte. Sie starrte auf die Rollklemme, als hätte sie die Schläuche verwechselt. Aber sie hat zarte Finger. Achtung jetzt, leichter Seegang. Die Matratze im Dekubitus-Bett macht die Welle, wiegt meinen Körper in eine neue Position. Herzschlag, Blutdruck, Sauerstoffsättigung – die Monitore fiepen wie eine B-Seite von Kraftwerk. Mochte ich früher nicht, aber hier ist es okay. Ventilatoren rauschen. Ich spüre keinen Hunger, keinen Durst. Die Nährlösung spült auch das Metamizol in meine Adern, das die Schmerzen dämpft, den ganzen Cocktail mit Entzündungshemmer, Thrombosen-Prophylaxe, Kreislaufstabilisator. Blasenfrei, wenn Cindy bei den Schläuchen aufgepasst hat. Mit ihren zarten Fingern streicht sie über meine Lippen. Oh, ich öffne sie gerne, damit sie meine trockenen Schleimhäute pinseln kann. Gut schmeckende Mundpflegelösungen empfehlen die Lehrbücher der Intensivmedizin, Geschmacksrichtung entsprechend den Vorlieben des Patienten. Was hast Du Schönes mitgebracht, Cindy? Zitronenmelisse, damit ich von Sommerfreuden träumen kann? Mein Schlauchboot gleitet dahin.

Eine neue Dekubitus-Woge schaukelt mich in die Blaue Grotte. Im Dämmerlicht der Displays zerfließen die Kurven meiner Organfunktionen. LEDs blinken. Sternbilder im Koma-Nebel. Es ist so wohlig hier, warm und weich.

„Hallo.“ Eine Chefarzt-tiefe Stimme pflügt durch den Techno-Sound. „Hallo, wollen Sie nicht aufwachen?“ Was macht Cindys Vater in der Blauen Grotte? Er stört.

„Hallo.“ Kräftiger Bass. D-Moll? „Hallo.“ Eine kalte Hand. Hilfe, der Komtur. Mozarts düstere Vatergestalt. „Wollen Sie nicht aufwachen?“

Warum sollte ich? Der Tropf tropft. Die Monitore fiepen. Alle relevanten Systeme laufen. Ich kann mich treiben lassen, wie die Precogs in „Minority Report“. Oder wie Neo in der Nährlösung der Matrix. Da sind ja auch die Schläuche …

„Hallo, wollen Sie nicht aufwachen?“

Was heißt da Hallo? In welchem Film bin ich denn? Ist das Oper oder Kino? Endlich wieder Kino!?

„Hallo, Sie machen ja tatsächlich die Augen auf. Wie geht es Ihnen?“

„Hallo, Herr Doktor. Hallo, Cindy. Schön, Sie zu sehen. War ich lange weg? Habe ich das Konzert von Agnes Obel verpasst?

Und was steht eigentlich in kulturnews?“