qobuz-Tipp der Woche: „Little wide Open“ von Kevin Morby
Flagge zeigen? Kevin Morby hat eine komplizierte Beziehung zu Amerika. Auf „Little wide Open“ verabschiedet er sich vom Mittleren Westen.
Kevin, du hast „Little wide Open“ als Abschluss einer Alben-Trilogie bezeichnet, die damit begonnen hat, dass du zurück nach Kansas City gezogen bist. Wie blickst du auf diese Zeit zurück, jetzt, wo du in Los Angeles wohnst?
Kevin Morby: Ich bin 2017 eher aus logistischen Gründen nach Kansas City gezogen. Damals war ich die ganze Zeit auf Tour, und ich wollte keine teure Miete für eine Wohnung in L.A. zahlen, wenn ich sowieso nie da bin. Aber als ich in Kansas City ankam, hat es mir besser gefallen als erwartet, und dann hat mich die Pandemie dort festgehalten. Ich mag es da draußen, es ist entspannt, fast langweilig, auf eine Art, die mich kreativer sein lässt. Trotzdem wollte ich auch mal wieder Teil einer Gemeinschaft sein. Viele meiner besten Freund:innen leben an der Küste.
Zum ersten Mal hat Aaron Dessner eines deiner Alben produziert. Ist er einfach auf dich zugekommen?
Morby: Tatsächlich war das hier das erste meiner Alben, bei dem ich nicht schon lange im Voraus wusste, wer es produzieren sollte. Insofern war es ein glücklicher Zufall, als er gefragt hat. Er hat in letzter Zeit mit so vielen Popstars gearbeitet, dass ich ihn gar nicht in Erwägung gezogen hatte. Aber sobald er sich gemeldet hat, war mir klar, wie viel Sinn es ergibt.
In „Natural Disaster“ singst du über deine Unsicherheiten, auch die Zweifel an deiner eigenen Kunst. Kann man da von Imposter-Syndrom sprechen?
Morby: Ich würde sogar sagen, bei diesem Album mehr als je zuvor. Immer, wenn ich ins Studio gehe, denke ich am Anfang, dass die Musik scheiße ist. Aber wir kriegen es früher oder später hin, dass ich sie großartig finde. Die Songs auf „Little wide Open“ sind besonders ehrlich, vielleicht hat es deshalb auch besonders lang gedauert. Aaron hat mir dabei sehr geholfen.
Das Album hat etwas von einem Abschied, einem Blick zurück. Geht es in „Die young“ auch darum, dass du früher mal geglaubt hast, du würdest in echter Rock’n’Roll-Manier jung sterben?
Morby: Nein, ich glaube, dass Problem war eher, dass ich und viele Freund:innen damals nicht daran geglaubt haben – und dann ist es leider einigen passiert. Wenn ich zurückblicke, denke ich: Wow, wir haben uns echt leichtsinnig verhalten, ich bin dankbar, dass ich überlebt habe.
„Little wide Open“ handelt auch vom Mythos des Mittleren Westens und Amerika allgemein.
Morby: Während die Dinge hier immer komplizierter werden, ist es mir wichtig, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich nun mal Amerikaner bin. Als amerikanischer Künstler versuche ich, Musik zu machen, die sich amerikanisch anfühlt, aber nach der seltsamen, kreativen, abwegigen Seite des Landes. Let my freak flag fly, in Ermangelung einer besseren Formulierung.
Hat sich deine Beziehung zu deiner eigenen Identität als Amerikaner in der letzten Zeit verändert?
Morby: Auf jeden Fall. Amerika ist schon immer problematisch gewesen, aber gerade ist es echt gruselig. Früher habe ich eine Art Stolz gefühlt, wenn ich Leuten gesagt habe, dass ich aus den USA komme. Heute ist es mir peinlich. Ich habe das Gefühl, ich versuche seit 2016, zu verarbeiten, dass das Land, in dem ich aufgewachsen bin, sich so verändert hat.